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Ich fahr' zur Hölle, kommst du mit?

Ich weiß, ich weiß...

Ihr lest die Überschrift dieses Essays, seht mich, verewigt als Zagreus, Sohn des Herren der Unterwelt. Dann erinnert ihr euch daran, dass Hades bereits 2020 erschienen ist und wollt dasselbe sagen, wie meine Dozentin für pädagogische Psychologie, als ich am ersten Tag des neuen Semesters ihren Raum nicht gefunden und, in ihren Redeschwall hinein, die Tür geöffnet hatte.

"Sie sind spät!"

In der Tat, wie auch Alpecin mit Koffein bei mir wohl zu spät dran sein dürfte, hab ich verhältnismäßig spät den Hype um Hades verstanden. Prozedural generierte Level, hektisches Buttonmashing, unübersichtliche Kämpfe, Permadeath und dann noch teils stressige Zeitlimits obendrauf...das soll Spaß machen?

Immer wieder auf die Fresse bekommen, nur minimalen Einfluss auf Belohnungen haben und selbst wenn man es in die zweite, dritte oder gar vierte Ebene der Unterwelt schafft, nach dem Tod am Anfang der ersten Ebene wieder aufzuwachen und alles nochmal machen müssen? Inklusive der großen Bosskämpfe? Was n' los hier?

Was hier los ist? Die Hölle ist hier los! Haha, hoho, hihi.

Wer mich kennt, oder zumindest das zweifelhafte Vergnügen hat, meinen Blog regelmäßig zu lesen, der weiß recht schnell vor allem anderen eine Sache über mich: Ich rede, ja fasele unglaublich gerne und hab zu alles und jedem eine persönliche Anekdote. Dabei folge ich der Prämisse, dass ein Satz selten zu lang sein oder ein Adverb falsch platziert sein kann und sehe bei alledem auch noch unverschämt gut aus...was?

Und da sind wir auch schon beim eigentlichen Knackpunkt – oder besser gesagt: bei meiner ganz persönlichen Schwachstelle. Denn wenn man ehrlich ist, passt ein Spiel wie Hades zu mir wie der Blitz und der Rauschebart zu Zeus. Meine Persönlichkeit kennt nur zwei Extreme: Das mit Betriebssystem IOS ADS laufende Gehirn ist ohne Frage extrem anfällig für gewisse Suchtdynamiken. Wenn ich mich in Sachen so richtig festgebissen habe, lass ich selten los. Wenn ich tief in mir das Gefühl spüre, etwas grundsätzlich schaffen zu können, werde ich so lange gegen den Beton laufen, bis die ersten Risse zu sehen sind. Wenn ich einmal im Tunnel bin, dann richtig. Nur: krieg mich da erstmal rein!

Denn ironischerweise habe ich gleichzeitig ein ständiges, fast schon gieriges Verlangen nach neuen Impulsen, Dopamin-Dosen und optisch-akustischem Dauerfeuer. So springe ich oft von einer Aktivität zur nächsten, einem Vorhaben zum anderen. Und 3 Sekunden, nachdem meine Lebensmittelbestellung abgeschickt ist, fallen mir sieben Dinge ein, auf die ich plötzlich Bock habe. To do Listen mache ich gerne, abarbeiten tue ich sie fast nie.

Einschlafen? Nie in unter 45 Minuten. Hausaufgaben als Schüler? Nur mit laufendem Fernseher und offenem Fenster, klarer Fall. Als Student lernte ich nicht in der Bibliothek oder schweigend in meiner Wohnung. Sondern in Cafés. Auf meinem Balkon an der Hauptstraße oder begleitet von Hörbüchern und Podcasts. Ich glaube heute, dass ich ohne die Pomodoro Methode des hyperfokussierten Kurzarbeitens, was immer wieder bewusst mit Gedanken kreisen lassen, kurzem Aufstehen oder Handy-Pausen unterbrochen wird und mit Instrumentalmusik oder Lofi-Beats begleitet wird, mein Studium nicht geschafft hätte. Ohne das Stundenplan- und Terminkorsett der Schule war ich verloren.

Wo normale Menschen bei unübersichtlichem Bildschirmchaos und unbarmherzigem Permadeath schreiend das Weite suchen, fängt mein Gehirn erst an zu schnurren und zu buckeln wie ein am Kamin chillender Stubentiger. Supergiant Games hat mit Hades kein simples Videospiel gebaut, sondern eine maßgeschneiderte Reizüberflutungs-Maschine, die jede einzelne meiner Synapsen punktgenau bedient und dabei aber selten länger als 30 Minuten am Stück meine Aufmerksamkeit verlangt. Und das auch nur, wenn man es bis zu den letzten Ebenen schafft.

Das Gameplay folgt einer gleichbleibenden Spirale. In dem Versuch der Unterwelt seines Vaters Hades zu entfliehen kämpft sich sein Spross Zagreus durch verschiedene Ebenen voller Monster, Geister, Fallen und Sackgassen. Hades ist nicht besonders beliebt; seine Geschwister und Weggefährten des Olymps unterstützen uns als Spieler mit Gimmicks, Schadensboni oder Talenten, die uns unsere Reise erleichern sollen. Dieser Support ist allerdings temporär und nur auf den aktuellen Run beschränkt. Dauerhafte Verbesserungen, neue Waffen, Talismans oder passive Upgrades schaltet man mit erbeuteter Dunkelheit (im Prinzip die Währung der Unterwelt) oder Schlüsseln frei.

Die Unterwelt in Hades

Ähnlich wie bei den berühmt-berüchtigten Soulsborne-Titeln schmeißt dich das Spiel nicht selten mit Anlauf in den Dreck, lässt dich bluten und scheitern. Aber: Es gibt dir genau genug Krümel, um durchzuhalten. Ein bisschen Dunkelheit für dauerhafte Upgrades, ein paar neue Dialoge mit den Göttern, eine neue Waffe, oder einfach das vage Gefühl, dieses Mal das Angriffsmuster des letzten Bosses doch einen Tick besser durchschaut zu haben. Es ist dieser winzige Progress-Haken, der sich tief ins Freizeitfleisch bohrt. Man sitzt um drei Uhr morgens mit beschlagener Brille und zitterndem Controller auf der Couch, schwört sich, jetzt endlich ins Bett zu gehen, nur um sich sekundenspäter selbst anzulügen: „Ach komm... Nur noch ein Versuch. Diesmal klappt’s! Vielleicht bekomme ich ja das Deflect Upgrade von Athene schon vor dem ersten Boss.“

Was definitiv auch hilft: Scheiße, sieht dieses Spiel gut aus. Fast unverschämt. Beinahe... sexy. Die Optik ist so stilvoll, knackig und detailliert, dass man Supergiant Games eigentlich, dem Genre der griechischen Tragödie treu, glatt der Hybris bezichtigen müsste. Jeder Charakter wirkt wie ein Kunstwerk, das direkt vom Olymp herabgestiegen ist – wunderschön, kantig und voller Charakter. Und dieser Soundtrack! Darren Korb hat da ein musikalisches Mosaik zusammengezimmert, das irgendwo zwischen mythologischem Epos und treibendem Heavy Metal schwankt. Wenn im Tartarus oder im Asphodel die Bässe und Gitarrenriffs einsetzen, während man im Kugelhagel der Seelenprojektile ums Überleben kämpft, dann ist das schlichtweg...göttlich. Da mache ich glatt freiwillig einen Köpper in den Styx, du.

Die Kämpfe sind sehr chaotisch, aber gerade bei späteren Bossen und Monsterhorden auch wunderbar spektakulär

Man kann sagen, was man will: Hades hat mich vielleicht ab und zu den letzten Nerv und ein paar Stunden dringend benötigten Schlaf gekostet, aber es hat meinen inneren Olymp im Sturm erobert. Auch nach Abschluss der Story kann man unendlich oft Abstecher in die Hölle wagen und weiter optimieren. Durch die zuvor erwähnte Zeitspanne von maximal 30-40 Minuten pro Run sehe ich mich auch in Jahren noch ab und zu einen Durchgang zwischenschieben.

Was also bleibt ist die Erkenntnis, mir ein weiteres Genre erschlossen zu haben und ein halbes Dutzend neue Games auf meiner Wunschliste parken zu müssen. Angesichts der Tatsache, dass auf jener Liste jetzt schon um die 80 Spiele stehen, ist das vielleicht eher ein zweifelhaftes Glück.

Zur Hölle nochmal...