(K) eine schicksalhafte Begegnung: MdG Leseprobe #2

13. September 2018 - Lesezeit: 17 Minuten

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November 2011

Nikolas

´Schnee hatte ihn schon immer fasziniert. Die Uhren der Welt schienen sich langsamer zu drehen, wenn sie vom weißen Mantel der Natur bedeckt wurde. Eine kitschige Vorstellung, ganz sicher, aber Nikolas mochte sie. Dass Schneeflocken in Wahrheit zu einem beträchtlichen Teil aus Dreck und Feinstaub bestehen, hatte er erst kurz zuvor gelesen, aber geflissentlich ignoriert. Eine solche Erkenntnis passte einfach nicht in sein hoffnungslos romantisiertes Bild vom Winter und den vielen schönen Erinnerungen, die er mit ihm verband.

Schon als Kind war er wie von der Tarantel gestochen nach draußen gestürmt, wenn er die ersten Flocken an seiner Fensterscheibe vorbeifliegen sah. Er hatte Schneemänner und wackelige Iglus gebaut, sich erbarmungslose Schneeballschlachten mit seinen Freunden geliefert oder war auf den Hügeln des benachbarten Spielplatzes Schlitten gefahren, bis die Kufen abgewetzt und das Holz zersplittert waren. Mit zunehmendem Alter blieb seine aufrichtig empfundene Freude über Schneefall ungebrochen.

Er zog häufig in der blauen Stunde los und unternahm kilometerlange Spaziergänge. Nichts half ihm besser seine Gedanken zu ordnen, als die Beobachtung von dicken, schwerfälligen Schneeflocken, die wenig elegant aber doch mit viel Leichtigkeit durch die Luft schwebten, kurz im Licht der Straßenlaternen funkelten und dann wieder in der Dunkelheit verschwanden. Das besondere an Schnee, so versichert einem jeder Naturwissenschaftler und gleichermaßen jeder Hobbyphilosoph, sei die Tatsache, dass er in seiner Struktur so individuell ist, wie die Menschen. Zwar sei es unmöglich, sie mit dem bloßen Auge voneinander zu unterscheiden, in ihrem Inneren jedoch, gleiche keine Flocke der anderen.

An diesem Novemberabend herrschte ein besonders heftiges Schneegestöber. Aufgewirbelt vom Wind schufen die einzelnen Flocken einen weißen Schleier. Einen Vorhang, hinter den sich Nikolas nur allzu gerne zurückgezogen hätte. Die Bilder der vergangenen Stunden verfolgten ihn wie die letzten Ausläufer eines Alptraumes, die man in der Aufwachphase einfach nicht abschütteln konnte. Etwa dreißig Minuten nach Ende ihres Streits, in dessen Verlauf sie einander Dinge an den Kopf geworfen hatten, die nur aus dem Mund des jeweils meist geliebten Menschen ihre volle zerstörerische Wirkung entfalten konnten, war seine Frau entkräftet am Küchentisch eingeschlafen.

Er hätte ihr einen Kuss auf die Stirn drücken und sie ins Bett tragen können. Am nächsten Morgen hätte er sie normalerweise mit aufwendigem Frühstuck und einer, je nach Vorgeschichte und Ablauf des Streits, aufrichtigen Entschuldigung besänftigt. An diesem Abend kam allerdings alles anders. Noch bevor er sich selbst die Zeit gab die Konsequenzen zu bedenken, war er ohne sie zu wecken und mit dem nötigsten in Reisetasche und Mantel aus ihrem gemeinsamen Zuhause verschwunden. Es hatte erschreckenderweise nur ein paar Schleichwege durch benachbarte Querstraßen gedauert ihn davon zu überzeugen, dass es für eine Rückkehr zu spät sei. Also zog er weiter. Immer weiter.

Während er den Flockentanz fasziniert und gleichzeitig ermattet beobachtete, dachte er wieder über die Philosophen nach. War es nicht so, dass Schnee das von Dichtern und Denkern als allgegenwärtig ausgemachte Naturgesetz Alles fließt außer Kraft setzt? Das Wasser, was zu Schnee wird, fließt nicht mehr. Stattdessen erstarrt es und wird festgehalten. Wenn auch nicht lange. Es wäre schön, wenn das auch mit der Zeit ginge, dachte Nikolas, weiter durch die Straßen Richtung Bahnhof wandernd und auf der Suche nach der schnellsten Fluchtmöglichkeit.

Es fiel ihm schwer sich vorzustellen, hinter jedem einzelnen durch die Luft fliegenden Eiskristall stecke etwas Einzigartiges. Andererseits kamen ihm auch Menschen selbst, wenn er in seinem alltäglichen Trott durch ein Meer watete, in dem jede einzelne Welle, die ihm entgegenschlug, aus den immer gleichen Gesichtern zu bestehen schien, alles andere als einzigartig vor. Aber was wusste er denn schon? Er war schließlich kein Philosoph.

Der Streit mit ihr war heftig gewesen und solche Gedanken würden sicher nicht weiterhelfen. Nikolas folgte instinktiv den Lichtern und dem Lärm, die aus der Ferne näherkamen. Tatsächlich hatte er Glück. An einem der drei, fast vollständig verwaisten, Gleise stand ein abfahrbereiter Zug. Weit weg war die einzige Himmelsrichtung auf seinem inneren Kompass, also überlegte er nicht lange und stieg ein. Er setzte sich in einen Vierersitzplatz, der direkt an die dreistufige Treppe angrenzte, die weiter nach oben führte. Normalerweise ärgerte sich Nikolas immer im Stillen über Menschen die, obwohl nur mit einem Rucksack oder Aktenkoffer beladen, mehrere Plätze für sich beanspruchten und damit Vielreisenden oder gar Alten eine Sitzmöglichkeit wegnahmen. Aber an diesem Abend war ihm auch das egal geworden.

Das Abteil war leer wie eine Geisterstadt, sollten sich die Vielreisenden und Alten doch einfach woanders hinsetzen. Seine Reisetasche schmiss er mit einer groben Schleuderbewegung auf den Sitz gegenüber, zog seinen Mantel so tief es ging als einen Kapuzenersatz übers Gesicht und versuchte, etwas zu schlafen. Es roch leicht muffig nach den verrauchten und feucht-schwitzigen Jacken und Mänteln seiner Vorgänger. Ihm brannten bald die Augen und für einige Minuten döste er schließlich tatsächlich ein.

Leider hatte er das Pech, einige Haltestellen später unfreiwillig die Gesellschaft einer Horde grölender Teenager zu bekommen. Zwischen ihrem lauten Gebrabbel und der, selbst durch Kopfhörer gedämpft, noch erstaunlich lauten Musik, war an Ruhe nicht mehr zu denken. Nikolas fuhr bis zur Endhaltestelle durch, verabschiedete sich sarkastisch freundlich von den Jungs, die entsprechend verdutzt am Bahnsteig zurückblieben und ihm einige dumpfe Sprüche mitgaben. Er trat aus dem Bahnhof heraus, warf die Tasche über seine Schulter und marschierte los. Der Schnee, der unter seinen Schritten knackte, begleitete ihn dabei wie ein Metronom.

Wie üblich zur festlichen Winterzeit herrschte auf den Straßen und in den Gassen der Städte reges Treiben. Hier war es nicht anders. Zahlreiche Stände hatten sich in der Weihnachtsmarktsaison zu einer Art improvisiertem Dorf zusammengefunden, und bildeten so ein kleines Stück Winterwunderland, in dem es nach Glühwein, Backschinkenbrötchen und frischen Keksen duftete. In regelmäßigen Abständen bildeten sich immer wieder Menschentrauben, die wie eine Horde dürstender Tiere am Wasserloch gierig jene Stände belagerten, an denen besonders beliebte Leckereien angeboten wurden. Beim großen Weihnachtsbaum in der Mitte des Marktes konnte Nikolas etwas Ähnliches beobachten. Ebenso beim Kinderchor am Ausgang, der verschiedenste Weihnachtsliedklassiker zum Besten gab, unterbrochen ab und zu von Klatschen oder lautem Gemurmel seiner Zuhörer.

In mitten des ganzen Gedränges versuchte Nikolas erst einmal, sich zu sortieren und ein wenig zurechtzufinden. Er hatte keine Ahnung, wo er genau war, sondern hatte lediglich den letzten Halbsatz der Zugansage „…bitten alle Fahrgäste auszusteigen“ mitbekommen. Die Menschen um ihn herum unterhielten sich größtenteils auf Deutsch, nicht wenige sprachen allerdings auch Französisch. Das war an sich nichts Ungewöhnliches für Nikolas, er lebte seit seiner Kindheit unweit der deutsch-französischen Grenze. Zweisprachige Werbeschilder und Speisekarten, die er, schwach beleuchtet von Straßenlaternen, gerade noch lesen konnte, ließen ihn erkennen, dass er sich in Valoir befand. Die „Brückenstadt“. Hier war er noch nie gewesen, kannte den Namen aber vom Hören und Sehen und wusste, dass ihr Beiname daher rührte, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes eine Brücke zwischen den Nationen bildete. Der Großteil des Ortes war deutsches Staatsgebiet, ein kleiner Teil im Nordosten gehörte allerdings schon zum Elsass.

Nikolas lachte still in sich hinein bei dem Gedanken, während seiner überstürzten Flucht unabsichtlich beinahe das Land verlassen zu haben. Seine Frau hätte, sobald klar wäre, dass er nicht nach Hause gekommen war, am nächsten Morgen wahrscheinlich bei seinem Arbeitskollegen von nebenan angerufen. Hier hatte Nikolas gelegentlich ein Absacker getrunken. Die Tatsache, dass ihn so etwas derart amüsierte zeigte ihm, wie sauer er noch auf sie war. Entschlossen spazierte er weiter. Der nicht enden wollende Strom von Menschen verschlang ihn und er genoss fast ein wenig die Blindheit, die der kräftige Schneefall zusätzlich verursachte. Große und kleine Schatten, Silhouetten und verwaschene Profile waren zu einem breiten, undurchdringlichen Strom verschmolzen. Das Gewirr aus Stimmen, Husten, Lachen und Gläserklirren verkam zu einem monotonen Rauschen in seinen Ohren, was ihn paradoxerweise vorübergehend vollkommen entspannte.

Ein monotones Rauschen. Früher war er oft am Meer gewesen. Hatte sich immer gefragt, was hinter dem Horizont wartet und das Ende der Welt konnte ihm gar nicht mysteriös genug sein. Viele Jahre waren vergangen und er kam nicht drum herum sich einzugestehen, dass er nie müde geworden war, sich Ausreden zurecht zu spinnen, die seine große Reise verhindert hatten. Vielleicht hatte sie ja heute begonnen.

Es ist noch nicht zu spät, ich bin doch erst 20, verdammt, hatte er seinen Freunden immer geantwortet, wenn sie ihn später als reisefaul und spießbürgerlich bezeichneten. Irgendwann aber, war aus der Zwanzig eine Fünfundzwanzig geworden, mittlerweile war er achtund-zwanzig und damit schon verdammt nahe an der Dreißig. Verheiratet war er obendrein, auch wenn sich das vielleicht nach dem letzten Streit erledigt hätte. Ich bin eben doch ein Nestbauer und kein Weltenbummler, bestärkte er sich in Gedanken, obwohl er wusste, dass das nur eine weitere seiner Ausreden war. Ausreden, die im Laufe der Zeit durch beständiges Wiederholen zu Gewissheiten geworden sind. Vielleicht war er feige. Vielleicht hatte er auch nur Angst zum Schluss einfach vom Rand der Welt zu fallen. Aber eigentlich war es egal, denn glücklich war er trotzdem geworden.

Im hier und jetzt verhielt sich Nikolas indes alles andere als zögerlich. Seine Gedanken wurden immer konfuser, ja, aber er hatte schon Jahre zuvor aufgegeben, die mitunter sehr seltsamen Wege seines Verstandes jemals vollständig zu begreifen. Grundsätzlich war er gemessen an all dem was passiert war, in recht gelöster Stimmung. Auf den letzten Metern des Weges, der zu dem hell beleuchteten Ausgang des Weihnachtsmarktes führten, drehte er sich noch einmal um. Er atmete tief ein und beschloss, erst einmal einfach weiter zu gehen, ganz egal wie lange es dauern oder wo er schlussendlich landen würde.
Irritiert und gleichzeitig angetrieben von der für ihn sonst so untypischen eigenen Entschlossenheit schlenderte er und ließ seinen Blick an den geschmückten Ständen und Häuserfassaden haften. Er hätte nicht sagen können, wieso. Aber mit einem Mal überfiel ihn dann doch noch das allzu bekannte Gefühl der Unsicherheit und es nahm passgenau auf seiner Schulter ne-ben der Angst Platz. Was tue ich überhaupt hier? bohrte sich ein Gedanke, scharf wie ein Messer durch seine Schläfen. Er war wie hypnotisiert.

Je weiter Nikolas ging, desto mehr verblasste sein Abenteurer- Esprit wieder. Mittlerweile zu weit weg vom Bahnhof und ohnehin zu müde, um eventuell einfach doch wieder nach Hause zurückzufahren beschloss er, sich und dem Schlaf in einem günstigen Hotel oder einer Herberge noch einmal eine Chance zu geben. Er durchwanderte die Menschentrauben, schob Passanten beiseite wie Nebelschwaden und hauchte dabei ein schnelles „Entschuldigen Sie…“ wann immer ihn das Gefühl beschlich, es wäre angebracht gewesen. Ernst war es ihm jedoch nicht. Die Stimme aus seinem Mund war ihm fremd geworden, er erschrak fast, wie gebrochen sie mit einem Mal klang.

Unbewusst wurde sein Gang bald immer schneller, denn auch die Kälte wurde zusehends ungemütlicher. Ab und zu ließ er sich dazu hinreißen, sich umzudrehen, sich zu vergewissern, dass er nicht völlig die Orientierung verlor oder zu viel argwöhnische Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte, wie er so mit halb vermummten Gesicht und dicker Reisetasche durch die Gegend zog. Als sich ein stechender Schmerz unterhalb seines Rippenbogens ausbreitete, war er gezwungen anzuhalten. Noch einmal drehte er sich um. Im Schneegestöber war plötzlich keine Menschenseele mehr auszumachen. Er war allein.

Sein Sehvermögen verminderte sich weiter rapide. Ein Blick auf die Straße vor sich ließ ihn erkennen, wie die eigenen Fußabdrücke nach und nach von Neuschnee und mittelstarken Winden gelöscht wurden. Es war, als wäre er nie dort gewesen, was ihn merklich verstörte. Abgeschlagen versuchte Nikolas, eine Bank oder anderweitige Sitzfläche zu entdecken, gab aber nach einigen weiteren Momenten entkräftet auf. Mit den Händen tastete er etwas dilettantisch nach Halt in der Dunkelheit und fand das kalte Gestein einer bemoosten Mauer.

Nikolas atmete langsam aus und begann mit dem Rücken an der Mauer hinab zu sinken. Der Kopf senkte sich und drückte auf seinen Brustkorb. Während sein Gesicht langsam vom eigenen Atem eingehüllt wurde, kam er ganz allmählich vollständig zur Ruhe. Seine Brust hob sich kaum merklich, die Last des eigenen Kopfes mit den wirren Gedankengebäuden tragend. Über seine Lippen wehte ein schwaches Lächeln und er spürte die fast schmerzhafte Spannung in seinen Wangen. Es hatte in letzter Zeit wenig Grund zum Lachen gegeben, das wurde ihm plötzlich klarer denn je.

In dem Zustand meditativer Ruhe begann Nikolas sich zu fragen, wie es sich wohl angefühlte, an überhaupt nichts zu denken. Die Vorstellung sich von den eigenen Eingebungen zu lösen und sich ganz und gar in einer Tundra der Gedankenlosigkeit zu bewegen hatte etwas zusätzlich Beruhigendes und lies ihn beinahe in den Schlaf gleiten. Das Aufbrausen einzelner Autos und der Klang einer zu Bruch gegangenen Bierflasche auf der gegenüberliegenden Straßenseite hielten ihn allerdings wach. Er streckte sich kurz und war wieder da. In seiner enttäuschenden, von Gedanken erstickten Realität.

„Wie lange wollen Sie dort noch sitzen bleiben? Sie wer-den sich erkälten. Oder schlimmer, wenn sie hier ein-schlafen, wachen Sie nie wieder auf, wissen Sie?!“

Ihre Stimme klang zuerst dumpf und blechern, so als käme sie aus weiter Ferne. Erst als ihn ein Arm an der Schulter packte, sah Nikolas nach oben. Vor ihm stand eine etwa 1,65m große Frau, die wie er schätzte Ende Zwanzig war. Sie trug einen beigen Trenchcoat, eine dunkelblaue Jeans und dunkelbraune Lederstiefel. Ihr Gesicht schmückte eine ungewöhnlich große Brille mit dicken schwarzen Rändern und die in der Kälte beschlagenen Gläser ließen smaragdgrüne Augen aufblitzen. Ihr Blick hatte etwas aufregend Schönes, zugleich jedoch den Schein des Unnahbaren. Die Haare, haselnussbraun und leicht gewellt, reichten bis knapp über die Schultern. Eine einzelne Strähne hatte sich unbekümmert in ihr Gesicht verirrt und streifte die Nasenspitze. Sie beugte sich ein Stück näher zu ihm herunter und musterte ihn gründlich. Der Wind blies ihr den dünnen schwarzen Schaal ans Kinn, woraufhin sie eine Augen-braue nach oben zog. Sie pustete das Haar genervt zur Seite und rückte ihren Schal zurecht. Ihr Blick verriet dabei, dass das nicht zum ersten Mal am heutigen Tag passiert war. Als sie aber zu bemerken schien, wie sehr Nikolas ihre Schönheit beeindruckte, entspannte sich ihre Mimik schnell.

„Ja, ich bin echt“, sagte sie lächelnd. „Kommen Sie, ich bringe Sie hier weg und ins Warme.“ Nikolas konnte spüren, wie sämtliches Blut aus seinem Körper sich den Weg in sein Gesicht zu bahnen versuchte.

„Ich… ich… bin ich eingeschlafen?“ stammelte er verlegen.

„Wissen Sie, begann sie, offensichtlich ebenfalls in ihren Gedanken verloren, „ich bin mir sicher der Schnee ist bequem und so weiter, aber sterben lassen wollte ich sie nun wirklich nicht.“

Nikolas‘ Nervosität verflüchtigte sich, denn jetzt konnte er erkennen, dass auch sie ein wenig peinlich berührt wirkte, nachdem sie sein Gesicht einige weitere Momente fixiert und sie einander plötzlich direkt in die Augen gesehen hatten. Viel zu spät bemerkte er aber ihre Hand, die sie ihm bereitwillig entgegenstreckte, um ihm beim Aufstehen behilflich zu sein. Das Blut war offenkundig noch nicht in alle Gliedmaßen zurückgekehrt; es war ihm entsprechend schwergefallen, aufzustehen. Die Frau wartete währenddessen geduldig und beobachtete seine unbeholfenen ersten Schritte mit einem stillen Lächeln.

Gemeinsam gingen die beiden ein Stück die Straße herunter und er erkannte, dass die Mauer, an der er sich zuvor so theatralisch niedergelassen hatte, zu einer großen Kirche gehörte. Ein majestätisches Gebäude, was etwas abseits vom Licht der Stadt fußte und dennoch in ein leichtes Orange getaucht wurde. Die große Quadriga, die über dem Haupteingang thronte und zahlreiche Heiligenfiguren an der Fassade ringsumher taten ihr Bestes, den Betrachter in Ehrfurcht zu versetzen.

Wie immer entstand in Nikolas‘ Inneren beim Anblick eines Gotteshauses das ambivalente Gefühl des wohltuenden Unbehagens. Er konnte nicht leugnen, dass die meisten Kirchen dieser Welt architektonische Augenweiden waren. Wie viel Trost haben sie im Laufe der Jahrhunderte wohl verirrten Seelen gespendet, wie viele Kinder wurden in ihnen getauft, wie viele Ehen geschlossen? Gleichzeitig spürte man in und um Kirchengemäuern die Angst und den Schmerz der Verfolgten und im Namen des Glaubens ausgegrenzten Andersdenkenden, die in den so genannten heiligen Mauern nie ein zu Hause finden durften, nie willkommen waren. Und dann ist da der Hass. All der Hass der ihnen entgegengeschlagen war. Er waberte über den Kruzifixen und blutete aus den Fresken bis in die Gegenwart hinein.

„Religion ist der Innbegriff des Widerspruchs“ pflegte sein sechzehn Monate zuvor verstorbener Vater zu sagen. „Opium fürs Volk? Vielleicht. Aber mal ehrlich… Wie viele gute Dinge sind auch unter Drogeneinfluss entstanden?“

Dann ein Lachen. Sein unverkennbar berstendes, beinahe schmutzig klingendes Lachen. Es war seltsam. Seine Stimme und so viele seiner Eigenarten waren Nikolas allzeit präsent, doch ohne, dass er es gewollt oder forciert hätte, verblasste sein Gesicht in seinen Erinnerungen jeden Tag ein Stück mehr.

Da die Fremde während seines erneuten Bewusstseinsstroms nicht stehengeblieben war, wandte sich Nikolas schnell vom Kircheneingang ab und folgte ihr in stillem Gehorsam. Nach einem Fußweg von etwa fünf Minuten standen seine Begleiterin und er vor einem alten Fachwerkhaus, dessen Dach vom Schnee gezuckert und Fenster mit einer Vielzahl weihnachtlichen Gestecken verziert waren. Er löste sich von der Frau und sein Blick fiel auf ein von Schnee bedecktes, leicht morsch wirkendes Schild aus Holz; Rasthaus Stiller Pilger war auf darauf zu lesen, nachdem er den Schnee grob mit seiner Hand verwischt hatte.

„Es wird Zeit, dass wir uns ein wenig aufwärmen“, rief ihm die Frau entgegen. „Kommen Sie.“

Von Kälte und Müdigkeit zu gleichen Teilen erfasst zwang sich Nikolas, die einzelnen Ereignisse in seinem Kopf ein letztes Mal zu rekapitulieren und dem Ganzen einen wie auch immer gearteten Sinn zu geben. Er war unüberlegt und kurzsichtig von zu Hause geflohen. Dem Zug, der am Bahnhof wartete, hatte er keine besondere Beachtung geschenkt, sondern war einfach eingestiegen. Wie lange war er unterwegs gewesen? Das wusste er nicht mehr. Zwei Stunden, vielleicht auch etwas länger. Hier in dieser Stadt, der Endhaltestelle, war er ausgestiegen. Auf einem Streifzug über die Kopfsteinpflaster des Weihnachtsmarktes war er endgültig ins Wandern gekommen und zum ersten Mal seit Ewigkeiten komplett auf sich selbst zurückgeworfen gewesen.

Schließlich hatte ihn die schöne Brünette gefunden, von der er weder wusste, wer sie war, noch vorher sie kam oder was sie genau veranlasste, ihn als zusammengekauerten an der Straßenecke versauernden Fremden vorbehaltlos anzusprechen. Ein kurzer Schmerz durchzuckte erneut seine Gedanken, der ihn erbarmungslos wissen ließ, dass es nach den vorherigen Geschehnissen dieses Abends vielleicht bald niemanden in seinem Leben mehr geben würde, dem er von dieser doch sehr seltsam anmutenden Begegnung erzählen konnte. Geschweige denn jemanden, der ihn lange vermisst hätte, wäre er in dieser Nacht an der Kirchenmauer tatsächlich eingeschlafen und nie wieder aufgewacht.

"Tu nicht so als ob du der einzige Mensch auf der Welt mit Problemen bist!" Das war einer der letzten Sätze gewesen, den sie ihm entgegen geschrien hatte, bevor er gegangen war. Nikolas hatte das Bedürfnis, das alles hastig beiseite zu schieben. Aber das ging nicht mehr.

„Anna…“ murmelte er schwerfällig.


I fell in love with you, *Hard* and Soul(s)

5. September 2018 - Lesezeit: 6 Minuten

Die seit Anno 2009 laufende Souls Reihe des japanischen Entwicklerstudios FromSoftware besitzt in der Community, vorsichtig gesagt, einen ambivalenten Ruf. Solche, die diese Spiele lieben, verlieren sich im unendlich tiefen Hintergrundgeschehen, dem fordernden und teils komplexen Kampfsystem, dem orchestralen Soundtrack und dem brillanten World Building. Wieder andere haben nicht die Geduld, die Zeit oder einfach nicht die Lust, dem Spiel soviel zu geben, wie es verlangt. Denn es dauert nicht selten Ewigkeiten, bevor es die investierten Anstrengungen, wenn überhaupt, angemessen würdigt.

Ich selbst habe mich immer zu der zweiten Gruppe gezählt. Ich hatte keine Lust auf den Stress, wusste um meinen mitunter sehr kurzen Geduldsfaden und hatte genug Respekt vor meinen teils sehr heftigen emotionalen Reaktionen bei Niederlagen, um diese Art Spiel zu meiden. Nicht so ein alter Freund von mir. Seit Jahren hing er mir mit der Serie in den Ohren, schmiss mit Superlativen um sich und präsentierte sie als in jeglicher Hinsicht essenziell. Weichklopfen konnte er mich allerdings nie wirklich mit seinen Tiraden.

Im August 2016 stöberte ich dann allerdings durch den PSN Store meiner PS3 und entdeckte direkt an zweiter oder dritter Stelle Demon’s Souls für den doch arg reduzierten Preis von 4,99€. Nach kurzem Hin und Her in meinem Kopf gewann die Überzeugung …dann hast du es wenigstens einmal versucht und ich lud das Spiel herunter. Nach nicht einmal zwei Stunden konnte ich feststellen: „Ja, es ist tatsächlich nichts für mich!“

Im Oktober 2017 lag ein weiteres Jahr hinter mir und es war ein besonders forderndes und emotionales seiner Art gewesen. Der Herbst war vollständig angekommen und obwohl es meine Lieblingsjahreszeit ist und schon immer gewesen war, fühlte ich mich unzufrieden und war in eher bedrückter Stimmung. Einmal mehr stieß ich im PSN- Store auf mehrere Angebote besonders beliebter Titel. In diesem Fall sprang mich vor allem Bloodborne an. Ich wusste natürlich, dass es ein Spin Off der mir mittlerweile bekannten Souls Reihe war. In Hinblick auf den August des Vorjahres hätte ich mich fernhalten sollen. Ich wusste aber auch, dass ich seit Release des Spiels immer wieder über Stil und Artdesign ins Staunen gekommen war. Der einzige Grund für mich, es nicht zu spielen, war mein Wissen um seinen Schwierigkeitsgrad. Ich sah mir kurzentschlossen einige Videos über das Spiel an und fand jede Menge Ventile für meine finstere Stimmung vor. Also schlug ich zu. Ich überlegte es mir nicht lange. Selbst wenn es zum Schluss auf meinem virtuellen Friedhof landen würde, es war das Spiel, was ich an diesem Abend einfach haben wollte.

Nun wird es keinen überraschen, dass ich auch dieses Mal direkt im Eröffnungsareal komplett kassierte; chancenlos und geprügelt stand ich nach zwei Stunden an exakt der gleichen Kreuzung wie im August zuvor. Nur dieses Mal nahm ich den anderen Weg. An dieser Stelle wird es kitschig, ekelhaft, hochtrabend und anderweitig wiewörtig. Ich bitte trotzdem darum, durchzuhalten =)

Mit mir geschah an diesem Sonntag das, von dem ich glaube, dass es auch mit Wanderern oder Pilgern auf ihren langen, beschwerlichen Routen passiert. Man entwickelt einen Tunnelblick für die Umwelt und trivialen Gedanken und wird stattdessen vollständig auf sich selbst zurückgeworfen. Wenn man immer wieder an den gleichen Gegnern scheitert, reagiert man nur am Anfang mit Wut und Frust. Bei dem gefühlt hundertsten Versuch ist keine Wut mehr übrig. Man kennt die Bewegungen und Angriffsmuster der Monster so genau, dass sich ein Automatismus einzustellen beginnt.

Ohne es gewollt oder forciert zu haben, begann ich damit, die Monster, Dämonen und Bestien aus dem Spiel metaphorisch als meine Monster, Dämonen und Bestien zu sehen. Sie transformierten vor meinen Augen in all die Verletzungen, Ungerechtigkeiten und Verluste, die ich in meinem Leben erdulden musste. Und mehr: Ich sah auch all die Ungerechtigkeiten und Verletzungen, die ich selbst anderen Menschen angetan hatte, in ihnen. So wurde Bloodborne zu meinem virtuellen Jakobsweg, zur Softwareversion der Sisyphusarbeit. Jeder Sieg gegen eine der Kreaturen kam mir wie ein Schritt aus meiner finsteren Stimmung heraus vor, jede Niederlage wie ein verdientes Büßen für mein eigenes, falsches Verhalten in der realen Welt. Innerhalb der nächsten zwei Monate spielte ich über 150 Stunden, erkundete die Welt bis in den letzten Winkel, sammelte alle Collectibles und absolvierte auch den schwersten Geheimdungeon.

Es waren mitunter spirituelle Erfahrungen, die ich auf meiner Reise durch die Welt von Bloodborne erlebte, das kann ich ohne Übertreibung so behaupten. Große Triumphe, noch größere Niederlagen, die wiederum von noch einmal größeren Siegen abgelöst wurden, zeichneten dieses Bild genauso, wie die fantastische Spielewelt, ergreifende Musik und die zahlreichen (philosophischen) Erkenntnisse, die ich aus dem Spiel gewinnen konnte. Die Zauberformel, die einen alles, was einem Bloodborne entgegen schleudert, aushalten lässt, kann ohne Abstriche auf das Alltagsleben übertragen werden. Es klingt wie gesagt klischeehaft und abgenutzt, verliert aber nie an Bedeutung. Die Antwort auf jede Krise, jedes unlösbare Problem und eben auch jedes noch so angsteinflößende Monster ist so leicht; und doch muss man sich regelmäßig daran erinnern: Geh weiter!

Und das tat ich. Sowohl im echten Leben, als auch an der Konsole. In den Folgemonaten stellte ich mich ehrlicher und offener denn je meinen realen Problemen und finsteren Gedanken und auf der Playstation zog ich weiter durch die Welten von Dark Souls I – III und fand hier tatsächlich eine Fortsetzung der wörtlichen und metaphorischen Reise vor. Ich möchte an dieser Stelle nicht so tun, als ob Bloodborne oder andere Soulsesque Spiele tatsächlich Depressionsepisoden heilen können. Dazu gehört sehr viel mehr, als rechtzeitig auszuweichen und im perfekten Moment immer wieder R1 zu drücken oder den Lebenstrank hinunterzukippen. Aber doch kann es helfen. Für mich waren es die perfekten Spiele zu perfekten Zeit meines Lebens. Noch nie habe ich Medienkatharsis in der Praxis so unmittelbar erfahren, wie in diesen Monaten.

Git Gud! Für diese unsägliche Phrase hat die Souls Community traurige Berühmtheit erlangt. Ein arrogantes „Werde Gut!“ vom hohen Ross des Dämonenbezwingers, der jeden Neueinsteiger direkt abschmettert.

Wie besiege ich die Klerikale Bestie? – Git Gud!

Wo finde ich die Waffe XY? – Git Gud!

Wie erhöhe ich die Kapazität meine Tränke – Git Gud!

Ich bin vielleicht naiv, aber ich glaube, dass hinter dieser Floskel mehr steckt, als man zuerst denken mag. Der Ratschlag „Werde Gut!“ ist kein Smacktalk oder arrogantes Gehabe von erfahrenden Spielern. Zumindest nicht vorrangig. Vielmehr geht es tatsächlich darum, dass nichts anderes bei diesen Spielen wirklich hilft, außer gut zu werden. Die beste Ausrüstung und der höchste Charakterlevel helfen Einsteigern nicht, das Spiel zu meistern. Sie müssen seine Mechaniken verstehen, seine Welt erschließen und eigene Strategien entwickeln, um alle Bestien besiegen zu können. Nur so kann man das Meiste aus der Erfahrung herausholen. Werde gut! sollte erweitert werden zu „Werde gut, denn es lohnt sich!“ Der Einfachheit halber könnte der Rat aber auch knapp lauten: Geh weiter!


Tagebuch der 8samkeit; Zwischenupdate =): Ja, es lebt noch!

22. August 2018 - Lesezeit: 1 Minuten

Mooooin,

kurzes Update zu meinem (literarisch) kommentierten Playthrough von Octopath Traveler... Er wird fortgesetzt ;)

In den letzten drei, vier Wochen war ich einfach von zu vielen anderen Spielen abgelenkt, die uns in diesen Tagen, Monaten und Jahren am Fließband präsentiert werden. Unfassbar, wenn ich an meinen Backlog denke, unfassbar, wenn ich an die Zukunft denke.Videogames, Dudes and Gals. Nuf' said! =D

Zur Zeit bin ich speziell dem Assassin's Creed Universum wieder tief verfallen. So sehr, dass ich auch hier relativ spontan entschied, ihm in diesem meinem virtuellen Wohnzimmer eine Plattform zu geben. Auch dazu später mehr =)

Außerdem möchte ich auch endlich diesen Blog hier um einige Segmente erweitern. Z.B. um ein (un)regelmäßig aktualisiertes News Segment oder Meinungsäußerungen zu bestimmten Themen der Geek Culture und anderem. Zur Zeit ist die Gamescom und eigentlich möchte ich zu fast allem meinen Senf abgeben, was ich so höre und lese xD

Ich arbeite eifach meine Liste langsam ab.

Zuerst möchte ich meinen God of War Save File auf den New Game+ Modus vorbereiten, dann möchte ich unbedingt Yakuza weiterspielen, Hollow Knight, Dark Souls Remastered, Drak Souls 3 platinieren, meinen Roman weiter und ein letztes Mal verfeinern, bevor ich Richtung self-publishing gehe, 500 Bücher lesen und... oh, was ist das? LA Noire für die Switch für knapp 20€?!

Ach, Scheiße...


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Assassin's Creed: Ich liebe es, ich liebe es nicht, ich liebe es... Ein Rückblick; #0

19. August 2018 - Lesezeit: 4 Minuten

Beginnen möchte ich diese Reise in die virtuelle Vergangenheit mit einem Gedanken, der nicht weniger pathetisch klingt, als er klischeebehaftet ist: "Geschichte habe ich schon immer geliebt!"

Auch wenn ich im selben Atemzug die Einschränkung hinzufügen muss, dass „immer“ in diesem Fall seit meinem vierzehnten Lebensjahr bedeutet, mindert es nicht meine Passion für die personalisierte Lehrmeisterin des Lebens. Es war der Moment, in dem die trockenen Lückentexte über Gilde und Zunft, die meist gepaart mit nicht enden wollenden Erläuterungen zum Lehnswesen auftraten, abgelöst wurden von einem der gewaltigsten und bedeutsamsten Ereignissen der frühen Moderne: Die Französische Revolution. Plötzlich war das Fach Geschichte mehr als auswendig zu lernende Jahreszahlen und klinische Statistiken zu Missernten oder Kriegen.

Es taten sich stattdessen Welten auf, voller aufwühlender Tagebucheinträge Pariser Dorfbewohner, provokanter Karikaturen, Briefe des verzweifelten französischen Königs aus der Gefangenschaft oder pompöse Gemälde des Sturmes auf die Bastille. Erstmals trat bewusst auch Philosophie in mein Leben. Große Politdenker wie Charles de Montesquieu auf der einen, aber auch eigene Gedanken über den Menschen das Leben und die Welt auf der anderen Seite. Wie können Menschen, die so passioniert gegen die Ungerechtigkeiten der Ständegesellschaft und für Freiheit Gleichheit und Brüderlichkeit kämpften, so grausam sein? Sich gegenseitig foltern und auf schaurigste Art und Weise umbringen? Noch wichtiger: Wie kann es sein, dass eine Nation, die es tatsächlich vollbringt die Jahrhunderte alten Muster königlicher Herrschaft zu verlassen, keine fünfzehn Jahre später von einem Kaiser regiert wird?

Auch wenn ich heute mit mittlerweile 28 Jahren und einem abgeschlossenen Geschichtsstudium weiß, dass die damaligen Ereignisse unglaublich komplex waren und kaum Schwarzweißmalerei zulassen, waren es diese Fragen, die damals als Funke für das Feuer der Geschichtsbegeisterung dienten, das noch heute in mir brennt.

An dieser Stelle fragt man sich völlig berechtigterweise, was diese ausschweifenden und zugegebenen recht kitschige Einleitung überhaupt mit Videospielen zu tun hat. Aber die Antwort ist leicht. Dieser grundsätzliche Enthusiasmus für Historie liefert die wichtigste Grundlage meiner Liebe zu einer Reihe, die im vergangenen Jahr bereits zehnjähriges Jubiläum feiern durfte: Assassin’s Creed.

Eine Reihe, die erst polarisierte, dann wieder völlig begeisterte, nur um schlussendlich wieder zu polarisieren. Nicht wenige der Journalisten und Spieler, die ihr einst unerschöpfliches Potenzial attestierten, flehen heute um ihre Einstellung. Ein Avantgardebeispiel des Videospiels als Medium der Kunst und narrativen Exzellenz ist verkommen zu einem alljährlichen Aufguss, einem faden Nachschlag eines schon längst nicht mehr köstlichen Gerichts.

Ein „Call of Duty für Geschichtsnerds“ sagt der Hater, ein „verwässertes Actionspiel für Stealthanfänger“ mault der Skeptiker, ein „Paradebeispiel für die bis zum letzten Tropfen gemolkene Wollmilchsau“ nennt es wiederum der Zyniker. All diese Anschuldigungen, soviel ist bereits bekannt, würde ich niemals einfach so unterschreiben. Aber ich kann absolut nachvollziehen, woher sie kommen und mit vollster Überzeugung widersprechen kann und möchte ich keiner davon.

Ich liebe Assassin’s Creed. Zu einer Liebe gehören aber auch Streit, Wut und Enttäuschung. Zu einer Liebe gehören Passion und Begeisterung ebenso dazu, wie Talfahrten und Missverständnisse. Manchmal, so musste ich lernen, gehören nach einigen Jahren zu einer Liebe Bugs, Abstürze und Framerateeinbrüche, Verbindungsfehler und Mikrotransaktionen. Das sind die Momente, in denen aus einer Liebe Hass werden kann. Aber auch Hass ist eine starke Emotion, hinter der sich oft einfach nur die Machtlosigkeit verbirgt, an einer bestimmten Situation nichts ändern zu können. Die sechzig Euro sind bezahlt, die dreißig bis fünfzig Stunden sind für immer von der Lebenszeit abgezogen. Man möchte lieben, kann es aber nicht (mehr). Wäre meine Liebe zu Assassin’s Creed eine reale Beziehung wäre unser Facebook-Status "kompliziert". Unsere Twitterfeeds wären voll mit kryptischen Nachrichten und Links zu Taylor Swift Songs. Keiner wüsste so richtig, wie es weitergehen soll.

Natürlich ist das alles hier mit einer Prise Ironie zu verstehen, aber unter dem Strich bleibt festzuhalten, dass meine Passion zur Realgeschichte und meine Passion für Assassin’s Creed untrennbar miteinander verbunden sind. So kam ich auf die Idee, die Geschichte dieser Serie, anlässlich des bevorstehenden Releases von Assassins’s Creed: Odyssee, wiederum in eine Serie für mein Blog zu verwandeln. Eine Retrospektive meiner wundervollen Hassliebe. Gespickt mit Erinnerungen und kleinen Rezensionen, Hoffnungen und Erwartungen für die Zukunft der Reihe und sonstigem Krimskrams, der sich beim Schreiben ergibt!

Beginnen werde ich alsbald mit dem original Assassin's Creed vom November 2007.

Stay tuned, wie die coolen Kids heute sagen =D


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Tagebuch der 8samkeit, Eintrag #7: Ein "Berg" von einem Mann

28. Juli 2018 - Lesezeit: 4 Minuten

Olberic Eisenberg. Den Namen dieses stolzen Ritters und ehemaligen Mitglieds der Königsgarde muss man erst einmal sacken lassen. Es wird auch, zumindest für das deutschsprachige Publikum, kaum besser, wenn man ihn gleich zu Beginn die unbeugsame Klinge von Hornburg schwingen sieht. Hornburg ist ein winzig kleiner Ort in Niedersachsen, mit gerade einmal 2449 Einwohnern (Wikipedia).

Geschenkt. Suspension of Disbelief ist schließlich das Wichtigste beim Konsum von Fiktion respektive Fantasy. Olberic lädt uns, wie Primrose vor ihm, in der Exposition seiner Geschichte in die Vergangenheit ein. Wir sehen den Ritter auf dem Schlachtfeld gegen eine ganze Reihe feindlicher Soldaten kämpfen, die sich aufgrund seiner beeindruckenden Schwertkünste schon bald geschlagen geben müssen. Olberic eilt daraufhin zu seinem König, um ihm Bericht zu erstatten und neue Befehle zu erhalten. Da geschieht es. Hilflos muss Olberic mit ansehen, wie sein Schildbruder Erhardt (ja, tatsächlich...) den König dahinschlachtet. Sein alter Weggefährte erklärt sich nicht einmal, nein, er brüstet sich mit der Tat und lässt Olberic nach einem kurzen Zweikampf an Ort und Stelle zurück. Diese Einführung ist so simpel, wie sie effektiv ist. Uns erwartet wohl ein tarantinoesquer Rachefeldzug.

Im Hier und Jetzt erfahren wir bald darauf, dass Olberic nach diesen Ereignissen seinen Titel als Ritter abgelegt und im Bergdorf Pflastersten unter falschem Namen ein neues Zuhause gefunden hat. Herr Berg wird er hier von allen genannt und er verbringt seine Tage mit der kämpferischen Ausbildung von Rekruten der Stadtwache. Ein kleiner Junge aus dem Dorf, sein Name ist Philip, wünscht sich ebenfalls sehr, von Olberic unterrichtet zu werden. Er will seine Mutter beschützen lernen, die den Jungen alleine großziehen musste.

Gerade als sich eine gewisse Idylle einstellen möchte, überschlagen sich die Ereignisse und nehmen eine, zugegeben sehr vorhersehbare, Wendung. Eine Gruppe von Räubern überfällt das Dorf und auch wenn der alte Olberic selbstverständlich keinerlei Probleme damit hat die Schergen zu besiegen, kann er die Entführung des kleinen Philip nicht verhindern. An diesem Punkt schließt sich der Veteran meiner Gruppe rund um Alfyn an und macht sich auf, den Kleinen zu befreien.

Nicht ohne eine gewisse Enttäuschung erkenne ich die deutlichen Parallelen zu den bisherigen Expositionen, als ich die nahegelegende Banditenhöhle betrete. Mit einer Laterne ausgerüstet erkundet meine Gruppe ein übersichtliches Dungeon und knackt eine Handvoll Truhen. Keine fünf Minuten dauert es, da steht mein frisch zusammengewürfeltes Quartett auch schon wieder vor dem Boss dieses Areals. Der Banditenanführer Gaston bittet zum Kampf.

Gaston bereitet mir nicht wirklich Probleme, die Auseinandersetzung zieht sich allerdings doch arg in die Länge, wie ich finde. Als er besiegt ist nimmt er aber nicht etwa wie Roses Zuhälter einen letzten Atemzug. Er scheint nur nicht mehr kämpfen zu wollen. Stattdessen stoßen bald einige Dorfbewohner zu uns. Was dann folgt, ich kann es ohne Sarkasmus sagen, ist einer der schlechtesten Dialoge, die mir seit Jahren in einem Spiel begegnet sind. Zusammenfassen lässt er sich in etwa so:

Olberic: „Gaston! Hör auf böse zu sein!“

Gaston: "Du hast Recht. Ich werde mein Leben überdenken. Ach, übrigens: Ich kenne jemanden, der weiß wo Erhardt ist. Er lebt da und da."

Olberic: "Was? Oh, ich werde mich sofort dort hinbegeben. Kommt mit, ihr Menschen, die ich kaum kenne. Zuerst lasst uns aber Philip nach Hause bringen."

Gastons Männer: "Leute, das ist übrigens nicht irgendein Herr Berg. Es ist der legendäre Olberic Eisenberg!"

Olberic: „Stimmt!“

Das Ganze ist so Banane, dass man nicht wirklich weiß, ob man lachen oder weinen soll. Mit dem finalen Auszug aus Pflastersten endet dann auch Olberics erstes Kapitel und die Gruppe kann sich ihr nächstes Mitglied suchen. Bevor ich das allerdings in Angriff nehmen möchte, erledige ich ein paar Quests mit Hilfe von Olberics Spezialfähigkeit, dem Duelieren. Mir sind da zwei Nebenaktivitäten in Sonnschatt im Gedächtnis geblieben.

Ein Tunichtgut belästigt eine unschuldige Reisende (das schreibe ich nicht einfach, so sind die Charaktere vom Spiel betitelt) und wird von mir mit Leichtigkeit bezwungen. Kein Problem. Danach stelle ich mich einem betrunkenen Türsteher, der seinem Chef Probleme macht und werde von ihm mit Leichtigkeit bezwungen.

Problem!

Mein Stolz ist gekränkt, aber für einen Eintrag ohnehin genug erzählt. Bis zum nächsten Mal =)


Wenn die Vergangenheit anklopft, sollte man manchmal besser nicht zuhause sein... MdG Leseprobe #1

22. Juli 2018 - Lesezeit: 6 Minuten

Das Beste an Büchern Filmen und Spielen ist, dass sie einem ermöglichen, in fremde Welten und Charaktere einzutauchen. Das gilt umso mehr, wenn die fremden Welten und Charaktere aus dem eigenen Kopf kommen =). Am heutigen Sonntag werde ich aus akuter Müdig- und Antriebslosigkeit keinen neuen Text schreiben. Stattdessen präsentiere ich euch, zu gleichen Teilen nervös und stolz, eine winzig kleine Leseprobe aus meinem ersten Roman,Die Masken der Gnade.

Viel Spaß :)

Nikolas

Es war bereits zu einer kleinen Tradition geworden, dass er an diesem Grab eine blaue Kornblume ablegte. Nikolas Twombly stand vor einem schlichten Stein, der nichts weiter preisgab als einen Namen und zwei Daten: den Tag der Geburt und den Tag des Ablebens. Keine akademischen Titel, keine pathosgetränkten Verse oder philosophischen Weisheiten waren eingraviert worden. Ein demütig erscheinendes Grab war es stattdessen. Wenn er nicht wüsste wer hier bestattet lag, er hätte es wohl ohne einen weiteren Gedanken zwischen all seinen steinernen Zwillingen ignorieren können.

Dieser erste, recht unscheinbare Eindruck vermochte allerdings nicht lange über die Tatsache hinwegzutäuschen, dass die hier zur letzten Ruhe gebettete Person das Leben vieler Menschen berührt haben musste. Davon zeugten die zahlreichen kleinen Steine, die nach jüdischem Brauch an der Ruhestätte abgelegt worden waren. Er schluckte. Einen kurzen Moment hielt Nikolas inne und sprach ein Gebet gen Himmel. Als Agnostiker lagen ihm derartige Riten normalerweise fern, aber der hier beigesetzte Mann verlangte ihm derart viel Respekt ab, es fühlte sich kein bisschen befremdlich an, für das Seelenheil des Toten zu beten.

So neigte Nikolas mit zusammengekniffenen Augen und gefalteten Händen seinen Kopf zu Boden, was für Außenstehende sicher im schlimmsten Fall albern, mindestens aber ein wenig unbeholfen gewirkt hätte. Rechts neben ihm, er bemerkte es zuerst gar nicht, befand sich ein weiteres, frisch ausgehobenes Grab. Noch ohne Datum und Namen versehen erschien es im Vergleich lieblos und es versetzte ihm einen kühlen Stich, es so zu sehen. Also ging er lieber wieder. Während er seinen vor Kälte leicht zitternden Körper mit geräuschvollen Schritten zum Ausgang des Friedhofs bewegte, begann es zu schneien.

Schnee murmelte er zufrieden zu sich selbst. Es hat seit fünf Jahren an Weihnachten keinen Schnee mehr gegeben. In den letzten Tagen war die Stadt zu seiner Zufriedenheit allerdings von heftigem Schneefall heimgesucht worden. So verfolgte er bald eine vom Wind vor ihm hergetriebene besonders dicke Schneeflocke und lächelte milde, als sie plötzlich auf seiner Nasenspitze landete und langsam schmolz. Kaum hatte Nikolas das Friedhofsgelände verlassen, sponnen sich der Baustellenlärm und die Verkehrsgeräusche der Straßen um ihn wie ein unsichtbarer, lähmender Kokon. Fast so, als hätte er das Tor zu einer anderen Welt betreten, verblassten alsbald die Ruhe und die Mystik des Gottesackers und binnen weniger Momente wurden sie vom ohrenzerreißenden Lärm der Lebenden abgelöst.

Eine halbe Stunde später war er wieder an seiner Wohnung angekommen. Er ließ sich heute etwas mehr Zeit als üblich und ging einen Umweg über eine kleine Bäckerei und ein Steh-Café. Der abschließende Aufstieg bis in den vierten Stock seines Wohnhauses erschien ihm heute Morgen besonders beschwerlich, aber der Gedanke an eine Rückkehr in sein sicher noch leicht angewärmtes Bett war Motivation genug, die sechsundvierzig Stufen zum zweiten Mal am heutigen Tag zu stemmen. Im geräumigen Schlafzimmer blickte er mit müden Augen aus dem Fenster und beobachte mit verschwommenem Blick, wie die großen Eiszapfen an der Dachrinne im frostigen Sonnenlicht des Morgens zu schwitzen begannen. Erst vor wenigen Tagen hatte sich der Punk aus der Erdgeschosswohnung theatralisch bei Nikolas beschwert, er wäre fast von einem der eisigen Stalaktiten erdolcht worden, während er seinen handtaschengroßen Chihuahua spazieren geführt hatte. Dieser verlieh, wie Nikolas heimlich dachte, dem provokanten und schrillen Aussehen seines Besitzers eine Spur selbstironische Albernheit, machte ihn aber umso sympathischer.

Er öffnete das Schrägen-Fenster auf Kipp und genoss den klirrend kalten Wind der hineinzog. Der Straßenlärm und das Stimmengewirr des Weihnachtsmarktes wurden beinahe ungefiltert bis in seine Dachgeschosswohnung hinaufgetragen. Erschöpfter als er es von seinem kurzen Ausflug hätte sein sollen, kollabierte er auf sinem Bett und vergrub den Kopf tief im Kissen der rechten Schlafseite. Er drehe sich schwerfällig auf den Rücken, sein Blick wanderte die Decke entlang. Wie viele Jahre waren vergangen? Zwei oder drei? Es sind Jahre, die ihm mal wie Tage, mal wie Stunden, manchmal aber auch wie Jahrhunderte vorkamen. Zeit kann durchaus gnädig sein und einem die finsteren Abschnitte des eigenen Lebens vorkommen lassen, wie ferne Erzählungen Anderer, die immer fremder klingen, je öfter man sie hört und in Gedanken durchgeht. Konnte man einen solchen Prozess forcieren, ihn vielleicht beschleunigen?

Früher hatte Nikolas angesichts schwerer Gefühlswallungen immer zu Stift und Kladde gegriffen. Er war dafür häufig verspottet worden, aber die Gedanken wollten, wenn er vor dem Notebook oder am Schreibtisch vor dem großen Rechner saß, oft einfach nicht heraus. Schreib‘ es dir von der Seele, dann geht es dir besser, hörte er sein Unterbewusstsein auch jetzt sagen. Er konnte nicht mehr zählen wie viele Anläufe er bis zum heutigen Tag unternommen hatte, die ganze Geschichte in aller Ausführlichkeit aufzudröseln und als Roman zu veröffentlichen. War dieser Gedanke reizvoll? Sicher, manchmal. Eine Verschriftlichung der Ereignisse schafft mehr Distanz und kann gleichzeitig bei der Aufarbeitung helfen. Aber war es das, was er wollte? Ja und nein. Seine Geschichte war lang, konfus und strapaziös, das wusste er. Dennoch keimte in ihm immer wieder der Wunsch auf, ihr eine Plattform zu geben. Sie gehörte schließlich zu ihm und war ein Teil seines Lebens. An sich aber keiner, mit dem er sich hätte schmücken wollen. Es kam also recht regelmäßig vor, dass er mit sich selbst den Kampf austrug, inwiefern es gut wäre, alles aufzuschreiben, es könnte ja auch in autotherapeutischer Absicht für sich selbst geschehen, um dieses Kapitel auf lange Sicht gesehen abschließen zu können. Aber immer hatte ihn etwas in diesem Vorhaben gebremst. Schuld flüsterte es leise in seinen Gedanken. Du fühlst dich schuldig.

„Du hast nicht wissen können, was geschehen würde. Dich trifft keine Schuld. Dich trifft keine Schuld!“ Diese Sätze sprach er dann laut vor sich hin, wie jedes Mal, wenn die Schuldgefühle zu sehr drückten. An manchen Tagen glaubte er sie sogar. Er nahm einige tiefe Atemzüge und spürte einen wohltuenden, weihnachtlichen Geruch in der Nase. Eine ganze Weile hatte er in den tiefsten Windungen sines Kop-fes nach den Assoziationen jenes Dufts gesucht, der sich langsam in jedem Winkel des Schlafzimmers verteilte. Erinnerungen vernebelten seinen Verstand und schickten die Gedanken auf eine einer Achterbahnfahrt gleichende Reise. Gegen seinen Willen war er schließlich zurück. Zurück an jenem besonderen Winterabend, der sein Leben für immer verändern sollte. Jenen 16. November des Jahres 2011.