Crocodile Gears: Über Spiele und ihre Selbstwahrnehmung
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Zugegeben...für eine totgesagte Plattform sieht die Zukunft der Xbox nach dem gestrigen Showcase etwas rosiger aus, als es der Zyniker in mir zulassen wollte. Genauer gesagt scheint die Zukunft von Microsofts Konsole transluzent grün. Aber nicht nur in Sachen Design hieß es gestern Abend Back to the Roots.
Von all den gezeigten kleinen und großen Ankündigungen haben keine Spiele mehr Screentime bekommen, als Gears of War und Halo. Tatsächlich erhielt Gears of War E-Day in unmittelbarem Anschluss an den Showcase zusätzlich noch seine eigene Mini- Dokumentation, ein Gameplay Deep Dive in Form einer Mélange aus Nintendo Direct und Noclip Video.
Fair, möchte man sagen. Denn beide Franchises sind in der Marken-DNA der Xbox ähnlich verankert, wie Mario und Zelda bei Nintendo und Kratos und Astro Bot bei Playstation.
Und bei Godfrey, mir hat sehr gefallen, was ich sah. Das gezeigte Gameplay sah clean aus, lief flüßig und machte beim Zusehen Spaß. Ahnlich wie Obsidians Avowed im letzten Jahr den Spirit von Oblivion einfing und mir das Gefühl gab, ich säße in meinem alten Kinderzimmer vor meiner Düsenjet Xbox 360, den Geschmack von Döner und Dosencola auf den Lippen, katapultierte Gears of War E- Day mich zurück in den Winter 2008.
Bob (erinnert ihr euch an Bob? 😁) und ich zockten die eigentlich in Deutschland noch indizierten, originalen Gears of War 1 und 2 im Couch Co-op, als wär's unsere Karriere. Mein damaliger Mitschüler Amadeus hatte sie mir aus Österreich besorgt. 70€ für beide zusammen. Und das obwohl Gears 2 keine 4 Wochen vorher erschienen war. Good Lad, that.
Meine Gefühle für Gears of War waren zwar nie so tief und passioniert wie für so manch anderes Franchise, aber ich blieb ihnen stets wohlgesonnen, den 400 Pfund schweren Muskelbergen mit den Kettensägengewehren. Den Testosteronbiestern, die sich, im Gedärmhagel der Locust, Oneliner um du Ohren schmissen. Den völlig überzeichneten He-Men in grotesker Körperpanzerung. Es war Popcorn-Unterhaltung in Reinkultur und Gott sei Dank dafür, richtig?
...richtig?
Offensichtlich nicht. Denn so interessant manche Einblicke hinter die Kulissen in der Gears Direct auch gewesen sein mögen, allen voran das Sounddesign, verließ ich den Stream doch eher ernüchtert. Einfach weil es einen fundamentalen Dissens zu geben scheint zwischen dem, was Gears of War ist und dem, was es sein will. Die Schöpfer der Serie Dinge sagen zu hören wie "Wir wollen eine persönliche, emotional-intime Story erzählen; wir wollen zu dem zurückkehren, was Gears ausmacht. Das bedeutet, schonungslos zu zeigen, was Krieg mit Menschen macht und dabei geht es auch immer wieder um Themen wie Freundschaft, Kameradschaft und darum, füreinander einzustehen. Ach... und hier, seht mal... die Augenbraue von Marcus Phoenix hat eine höhere Polygondichte als das gesamte Charaktermodell aus Teil 1, ist das nicht spannend?", hat mich extrem verwirrt. Ich lag gestern auf meinem Bett und dachte mir: "Ehm... nein ist es nicht? Das ist doch nicht das, was Gears ausmacht"
Ich möchte das Ganze, allein aus aktuellem Anlass, richtig verstanden wissen. Das hier ist kein blindes Hit Piece a' la Es kann nur dann God of War sein, wenn man einen brutalen, rücksichtslosen Kratos spielt. Ich will keine Charakterentwicklung oder Schaff mir die 43 jährige, hässliche Mama aus meinem Game. Um Gottes Willen.
Jeder, der mich ein bisschen kennt wird bestätigen, dass ich es liebe, wenn die Bücher, Serien und Spiele, die ich konsumiere, tiefer gehen. Medien, die Dialoge mit Gravitas haben, schwierige, unangenehme Themen behandeln, Sinnfragen stellen oder Redemption Arcs zeigen, gib sie mir reichlich und häufig. Aber es muss nachvollziehbar sein und organisch entwickelt werden. Es gibt nichts Schlimmeres, als aufgesetzte oder überhastete Charakterentwicklung. Guckt euch den gigantischen Scheißhaufen an, der da ist die letzten zwei Staffeln von Game of Thrones.
Ich denke, ich kann mit einer kurzen Anekdote aus meiner Studentenzeit am besten zeigen, was ich meine. Im Jahre 2012 war ich mit zwei Freunden im Kino, um The Expandables II zu schauen. Ein stumpfsinniger Actionfilm, in dem eine Reihe ausrangierter Soldaten in geheimer Mission loszieht, um eine berühmte Persönlichkeit aus den finsteren Fängen des Kommunismus zu befreien. So oder so ähnlich war es. Denn ehrlicherweise ist alles, woran ich mich wirklich erinnern kann, Tod, Rauch, Explosionen, Muskelberge und Chuck "Fucking" Norris.
Der Kinosaal war schon damals gähnend leer, mit uns zusammen war nur noch eine kleine Freundesgruppe von 5 oder 6 Personen anwesend, die in der Reihe hinter uns saß. Durchgehend waren sie am Quatschen, die Jungs; sie hatten Bier mit hineingeschmuggelt und stießen immer wieder auf fliegende Gedärme und explodierte Fahrzeuge an.
Im Film selbst gibt es eine Szene in der sich unsere Helden in einem Shootout mit einem Panzer befinden. Eine ausweglose Situation, selbst für Stallone, Lundgren, Terry Crews und Co. Dem Tod ins Gesicht starrend, sehen die Soldaten plötzlich aus dem Nichts eine Rakete ins Bild fliegen und den Panzer explodieren. Einer der Jungs hinter uns schreit laut auf:
"Wenn jetzt Chuck Norris kommt, Leute; ich schwör' ich raste aus!"
Aus dem Explosionsnebel erscheint tatsächlich der damals 73 jährige Chuck Norris. Mit Sonnenbrille. Begleitet vom Theme aus The Good, the Bad and the Ugly. Der Typ hinter uns springt auf, klatscht frenetisch in die Hände und schreit:
"JAAAAA! Verpiss dich, ist das geil!!"
Ich sags. wie es ist: Das Testo-Level im Saal ist für ein paar Minuten um 70% gestiegen und fast hätte ich mich umgedreht und nach nem Bier gefragt, hahaha.
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Versteht ihr? Das ist Gears of War. Das The Expendables Pendant zu deinem Dostojevski- esquen Metro: 2033. Bei Gears geht es um eine Gruppe von Dudes und Dudesses von beinahe Comic Book grotesker Statur, die Aliens mit Kettensägen den Brustkorb öffnen und Ratten zu Matsch treten, während sie sich darüber beschweren, dass die Panzerung im Schritt zu eng sitzt. Also lag ich da gestern und dachte nicht nur: "Das ist nicht das, was Gears ist", sondern auch "Das ist überhaupt nicht das nicht das, was ihr hier rüberbringt*. Ihr präsentiert mir Avengers: Endgame, redet aber so daher, als hättet ihr Der Englische Patient gemacht. Das passt einfach nicht zusammen.
Ein Blick in die Kommentare des Videos bestätigt das:
12 Player Horde Mode!!! My Body is ready and my chainsaw is primed!
As a Gears Player since 2007, I'm so excited for this! The World looks amazing, can't wait to destroy it!
So glad to see the blood spattered camera is back!!
Fairerweise muss man sagen, dass es auch zahlreiche sehr emotionale Kommentare gibt. Geschichten über verlorene Freundschaften, erwachsen gewordene Männer, die mittlerweile Vater geworden sind, etc.
Aber: Sie sind emotional, weil sie sich an die Multiplayer Gaming Sessions und die Menschen erinnern, die mit ihnen gezockt haben. Oder sich an der Gears Ästhetik erfreuen und darüber, wie sehr es sie an ihre Kindheit und Jugend erinnert. Nicht, weil sie schon immer mehr über Marcus Phoenix' Beziehung zu seinem Vater wissen wollten. Die Emotionen kommen aus den Geschichten, die sie in ihrem Leben um Gears herum geschrieben haben. Nicht von den Geschichten in Gears selbst.
Ich würde dringend empfehlen, sich da einfach volles Brett reinzulehnen. In diesen „America, Fuck yeah!“ Vibe. Action! Tod! Gedärme! Arschgeile Waffen! Ich sage nicht, Gears kann nichts anderes sein. Ich sage, voller Überzeugung: Es sollte nichts anderes sein. Weil es genau dafür geliebt wird. Weil das emotionale Marketing aufgedrückt und wenig authentisch wirkt.
Bei dem vorhin kurz herangezogenen God of War ist der Imagewechsel deutlich gelungener. Der Traditionslinie von griechischen Dramen folgend, scheitert Kratos tragisch auf seiner Reise. Sein unstillbarerer Durst nach Rache und Chaos war am Ende nie etwas anderes, als die Flucht vor den eigenen Taten, deren Wunden tiefer schnitten als jedes Schwert. Schlussendlich liegt der Held mit leerer Seele am Boden. Fassungslos, ob der Sinnlosigkeit seines Tuns. Das ist vorhersehbar, na klar. Das ist pathetisch aufgeladener Aristoteles Krempel. Logo. Aber das meinte ich vorhin mit "es ist organisch entwickelt." Die Grundlage für Kratos Entwicklung mag klischeehaft sein, aber sie ist nachvollziehbar.
Als Kratos vom Schicksal eine zweite Chance und eine zweite Familie bekommt, von der er selbst weiß, dass er sie nicht verdient hat, treibt ihn nur noch eins an: Der Wunsch, dass sein Sohn besser wird und es besser halt, als er. Und ohne jetzt zu pathetisch zu wirken. Der Wunsch von Eltern, dass die eigenen Kinder bessere Menschen werden und ein besseres, erfüllteres Leben haben, als man selbst, ist etwas zutiefst Menschliches. Kratos sucht keine Erlösung für sich selbst. Er bereut nicht einmal unbedingt seine Taten. Was er aber kompromisslos tut ist, ohne Larmoyanz mit den Konsequenzen zu leben und dabei gleichzeitig aufrichtig bemüht zu versuchen, eben diese von seinem Sohn fernzuhalten. Das ist kein Sinneswandel aus dem Nichts. Das ist Charakterentwicklung und gutes Storytelling.
Genau deshalb funktioniert auch die Story von Red Dead Redemption II so gut. Arthur Morgan ist die meiste Zeit seines Lebens kein guter Mensch. Er weiß das und lügt sich auch nie in die Tasche deswegen. Die todbringende Tuberkulose holt er sich bei einem Mann, den er Für eine Handvoll Dollar (sorry, konnte nicht anders) selbst halb totschlägt. In seinen letzten Monaten setzt das Umdenken bei ihm nicht ein, weil er sich Vergebung oder Erlösung erhofft. Sondern weil er erkennt, dass seine Art zu leben keinen Mehrwert hatte und er das bisschen Zeit, was ihm bleibt, genau so gut nutzen kann, um Menschen zu helfen, ihr Leben in die richtige Bahn zu lenken. Damit sie es besser machen, als er. Das ist Gutes tun, rein um des Guten Willen und damit noch sehr viel bewegender.
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Get the hell outta here and be a Goddamn man😭
Die Entwickler von Gears of War zeigen mir in der einen Szene, wie Marcus einen Alienkopf zum Platzen bringt und wollen mir fünf Sekunden später verkaufen, das Lines wie "Danke für deine Hilfe, Dom'. Alleine hätte ich's nicht gepackt!" der Zenit menschlicher Sinnsuche sind. Das ist komplett albern, sorry. Nochmal: Es ist nicht so, dass ich nicht finde, dass das Spiel super geil aussieht. Denn das tut es. Ich bin mir auch sicher, dass es sehr gut wird. Mich frustriert einfach das deplatzierte Marketing. Know your game, know your audience.
Wie man so etwas richtig macht, also den Geist der Vergangenheit selbstbewusst und authentisch in die Gegenwart zu tragen, zeigt keine Ankündigung besser, als die von Crazy Taxi World Tour.
Crazy Taxi ist ein absolutes Kultgame mit mehr Ports und Neuauflagen, als jeder von uns zählen kann. Ein Franchise, das lange schlafend lag, aber jetzt für eine neue Generation von Spielern und nostalgische Veteranen neu aufgelegt wird.
Gott sei Dank hat sich da keiner hingestellt und gesagt: "Das, was Crazy Taxi ausmacht, ist die realistische Fahrphysik und das tief befriedigende Gefühl, einen Fahrgast rechtzeitig an sein Ziel gebracht zu haben. Denn wer weiß schon, was er oder sie an dem Tag schon alles durchgemacht hat. Und hier, seht mal, wie viele dynamische Armhaare unsere Fahrer haben."
Nein! Fuck all that!
Gezeigt wurden stattdessen ein dreamcastgetreuer, fast Disney Pixar ähnlicher Artstyle, fliegende Taxis, Feuerbooster, verrückte Stunts, zur Seite springende Passanten, absolutes Chaos, alles ikonisch untermalt von The Offspring's "All I Want." (YaYaYaYaYa🥰🎤🎶🎶🚕)
Perfektion. Ich mein's ernst.
Wahrscheinlich einer meiner Lieblingstrailer der letzten Jahre. Nicht, weil Crazy Taxi das beste Spiel ist, was beim Summer Game Fest gezeigt wurde. Es war nicht einmal das beste Spiel des Xbox Showcase gestern. Aber ist so wunderbar zu sehen, wenn ein Spiel genau das ist und sein will, was seine Fans an ihm lieben.
Wir sind oft umgeben von einem Ozean von Games, die uns bedeutsame, tiefgehende oder auch wahnsinnig aufwühlende Stories erzählen oder uns durch ihr Gameplay fordern und fördern wollen. Das möchte ich nicht missen, keine Sekunde lang. Aber es ist so wichtig, sich zwischendurch immer mal wieder Spielen hinzugeben, die genau eines wollen: Spaß machen! Kopf ausmachen, ein bisschen daddeln, viel lachen, ab und zu schreien oder laut mitsingen. Manchmal ist das "all I want."