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Neues aus der Schreibwerkstatt

27. September 2019 - Lesezeit: 10 Minuten

Oh, hello there! Wieder einmal ist mehr Zeit ins Land gegangen, als mir selbst lieb ist. Ich möchte mich und euch gar nicht damit aufhalten, schlechte Ausreden zu präsentieren; ich bin zurück. Yeeeeaah =)

Heute gibt es eine kleine Besonderheit, die in Zukunft vielleicht gar nicht mehr so besonders sein wird, auf diesem, meinem Blog. Eine Kurzgeschichte.

Sie heißt "Schwestern" und ist in gewisser Weise eine Art Prequel zu meinem Roman Die Masken der Gnade. Aufgrund von etwaigem Spoilerpotenzial habe ich mich deshalb entschieden, die beiden Leseproben des Romans von diesem Blog zu entfernen.

Viel Spaß beim Lesen =)

Schwestern

„Hast du etwa Angst? Es ist doch bloß ein kleines Gewitter.“

Natalie legte den Kopf schief und sah ihre Schwester im Halbdunkeln an, belustigt aber auch besorgt wegen ihres Verhaltens.

„Natürlich nicht!, fauchte Elsa bald trotzig. „Es…Es ist nichts. Lass mich allein.“

Die Decke raschelte ein wenig, als sie sich zur Wand wegdrehte. Ihre Zwillingsschwester war absolut unbeeindruckt von der Lüge und trat auf das Bett zu. Sie hob die Decke an, legte sich hinter Elsa, schloss ihren Arm um sie und strich ihr beruhigend über das Haar. Kurz lies sie es geschehen, aber dann knurrte sie mürrisch und rückte noch ein Stück weiter von Natalie weg, sodass ihr Kopf fast an die Wand stieß.

„Niemand kennt dich besser als ich, Ellie. Was ist los?“ Wieder streichelte Natalie Elsas Kopf und lauschte dabei ihren gleichmäßigen Atemzügen. Dann begann sie zu weinen. Ganz leise, fast wie nichts. Wie eine Mücke, die einem in der Dunkelheit dicht am Ohr vorbeischwebt, waberten die schluchzenden Geräusche zu Natalie herüber.

Zögerlich schaltete sie die kleine Nachttischlampe ein und kniff sofort die Augen zusammen. Auch Elsa, wieder zu ihrer Schwester gedreht, schirmte ihr Gesicht unbeholfen mit einer Hand ab. Die Tränen glitzerten in ihren Augen.

„Komm“, sagte Natalie ermutigend. „Was ist passiert?“ Sie sagte das in dem aufrichtigen Versuch, unvoreingenommen zu wirken, obwohl sie eigentlich schon längst geahnt hatte, was passiert war. Elsa robbte sich in eine halbsitzende Position und schob ihr T-Shirt ein Stück nach oben. Ihr Bauch und Teile ihres Rückens waren übersäht mit blauen Flecken. Natalie, die erwartet hatte so etwas zu sehen, zog dennoch hörbar Luft durch die Zähne.

„Fuck! Wann?“, fragte sie scharf.

„Gestern. Also der Rücken. Am Bauch vor ein paar Tagen.“
„Er oder sie?“
„Na, beide. Es sind doch immer beide“, gab Elsa nun verständnislos zurück und hatte, trotz Wut und Schmerz, dabei fast frech geklungen.

Natalie verzog den Mund. Sie war die letzten Tage in Straßburg gewesen. Es war immer am schlimmsten, wenn sie Elsa allein ließ, das wusste sie. Das wusste sie und war trotzdem gefahren. Das Gefühl, das sie dann beim ersten in sich hineinspüren für Schuld gehalten hatte, verwandelte sich sekundenschnell in Zorn. Auf die Eltern, die sich in ihrer Ohnmacht wieder nicht anders zu helfen wussten; so hatten sie es jedenfalls immer genannt. Natalie war vierzehn und wusste bereits, wie haltlos solche Ausflüchte waren.

„Gab es einen Grund?“ fragte sie rhetorisch.
„Ja“, wimmerte Elsa jetzt wieder ein wenig mehr.
„Lügner!“ herrschte Natalie sie an, was ihr sofort leidtat. „Für so etwas gibt es keinen Grund. Niemals, verstehst du mich?“ Sie nahm Elsas Gesicht in beide Hände und weinte nun ebenfalls. „Scheiße.“

„Ich hab‘…geredet“, flüsterte Elsa und hörte sich verschämt an. Auch wenn die beiden Zwillinge waren, war es schon wieder passiert. Natalie war stark für sie beide. Ein Vorbild, fast eine Mutter. In einem kurzen Moment der Klarheit verfluchte Elsa sich dafür, aber für den Augenblick musste es wieder so sein. Natalie drückte sie an sich und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Unwissend, damit Elsas Komplexe weiter zu füttern.

„Was meinst du mit geredet?“
„Naja, mit den Stimmen

Früher war Natalie noch zusammengezuckt, wenn Elsa so etwas sagte. Heute nickte sie bloß still.
„Wie viele waren es?“
„Zwei. Also am Anfang. Später dann drei.
„Keine neuen?“
„Ich denke nicht, nein.“
Natalie wollte eine Zigarette rauchen, was sie seit kurzem regelmäßig tat. Erst als ihr wieder einfiel, dass ihre Schwester noch nichts von ihrem neusten Laster wusste, hielt sie inne. Stattdessen fummelte sie in ihren Taschen nach einem Kaugummi.

„Du hast vor den beiden mit den Stimmen geredet?“
„Nein, hallo?! Mama kam herein, nachdem sie es gehört hatte. Sie sah mich an, als wäre ich ein Monster. Nahm ein Buch vom Boden und schlug damit auf mich ein. Als sie müde wurde, kam Papa. Mittendrin habe ich mit der Stimme von Lucy gesprochen. Er verprügelte mich, bis ich fast bewusstlos war.“

„Jesus!“
„Nee, die Bibel war’s nicht“, sagte Elsa und ihr Rücken schmerzte, als sie sarkastisch die Schultern hochzog.
„Oh, haha“ schnarrte Natalie. „Wirklich?“
„Ich hatte meinen schwachen Moment“ sagte Elsa. „Jetzt lass mich meine Späße machen. Was bleibt mir denn? Und außerdem bin ich ja anscheinend eh verrückt, du solltest also nicht überrascht sein.“

Natalie lächelte schief. Was Elsa nicht wusste war, dass in Wahrheit ihre Schwester sie für die Stärkere hielt. Seit ein paar Jahren war die Erkrankung bekannt gewesen und immer wieder staunte Natalie, wie souverän ihre, wenn auch nur Minuten, jüngere Schwester ihr Schicksal ertrug.
„Wir hauen ab“ sagte sie jetzt, gegen alle Vernunft. Sobald wir sechszehn sind, verschwinden wir von hier!“
„Als ob die uns lassen“ gab Elsa resigniert zurück. „Die finden uns doch sowieso überall auf der Welt. Es gibt fast in jeder größeren Stadt Filialen von uns. Bestimmt sind die alle voller Spione und so’n Scheiß.“
„Dann eben die Presse.“ Natalie war nicht gewillt, sich so schnell entmutigen zu lassen. „Ne schöne Schmierenkampagne darüber, wie die Töchter des großen Dubois Konzerns verprügelt werden, wenn sie nicht spuren.“
„Ja, klasse“ witzelte Elsa. „Und das Lebenswerk von Oma und Opa geht den Bach runter, oder was? Du spinnst doch.“

Es stimmte. Natalie dachte an ihre Großeltern und spürte einen kurzen Stich im Herzen. Ihre Oma war seit Jahrzehnten krank, sie hatten sie nie gesund kennen gelernt. Von ihr hatte Elsa es geerbt. Aber in ihren klaren Momenten war sie so liebevoll und lebensfroh gewesen. Und niemand konnte lange stillhalten und nicht in das herzliche Lachen ihres Großvaters einstimmen, wenn er über einen guten Witz lachte. Sie waren gute Menschen. Zu gut vielleicht, um hinter die Fassade ihrer Kinder zu sehen. Es würde ihnen das Herz brechen, ihre Firma öffentlich durch den Dreck gezogen und für immer schmutzbehaftet zu wissen.
„Na schön“ raunzte Natalie. „Dann müssen wir einfach unsere Eltern verschwinden lassen. Dann verschwinden auch unsere Probleme“

„Schätze, so wär’s“ stimmte Elsa zu. „Super! Dann brauchen wir nur noch einen Zauberer mit einem magischen Hut. Einem großen. Papa ist fett geworden.“

Die beiden lachten schallend. Sie lachten so sehr, dass Elsa sogar kurz ihre Schmerzen vergaß.

Es war dieses Lachen, das Elsa auch vier Jahre später regelmäßig in den Ohren echote. Diesen Schmerz würde sie indes nie vergessen können. Aber nach heute Abend würde es eventuell leichter werden. Das hoffte sie jedenfalls.

Sie vergrub ihre stark zitternden Hände in ihrem Mantel und schlenderte mit langsamen Schritten den Bürgersteig entlang. Die Sirenen aus dem Hintergrund entfernten sich mit jedem Schritt etwas weiter von ihr und als Elsa über die Schulter zurücksah, betrachtete sie die Rauchschwanden mit tiefer Zufriedenheit. Sie wusste genau, wo sie jetzt hingehen wollte. Der Weg war nicht lang, aber sie wäre nach dem gerade geschehenden auch bis in die Morgenstunden spaziert.

Natalies Lachen machte in ihren Erinnerungen bald für die Gesichter ihrer Eltern Platz. Sie waren nicht einmal überrascht gewesen, sie zu sehen. Ihre Mutter hatte sogar noch den Zustand von Elsas Stiefeln humorvoll kommentiert und ihr Vater genervt gefragt, was sie jetzt wieder brauchte. Es war so leicht gewesen. Sie hatte nicht einmal das Gefühl, dass sie selbst es getan hatte. Aber ganz allein war sie ja ohnehin nie.

Eins, zwei, drei.

Sie hatte keine Zeit gehabt, sich umzudrehen und war von ihrem Stuhl gesackt, wie eine große, leblose Puppe. Der Vater, zunächst unfähig sich zu rühren, starrte sie aus aufgerissenen Augen an, die, so war es Elsa vorgekommen. dunkler wurden, als sie näherkam.

„Du…Du krankes Miststück“ spie er, erst wütend, dann eher kraftlos.

Er hatte sie angefleht und sich etwa ein duzendes Mal entschuldigt. Aber erst, als er denk an deine Schwester geflüstert hatte, öffnete Elsa erstmals, seit sie gekommen war, den Mund.
„Ich denke seit zwei Jahren an nichts anderes mehr“ sagte sie so kühl, sie hätte sich vor sich selbst erschrecken müssen. Aber sie blieb ganz ruhig. Ein einziger Schuss, präzise wie ein Insektenstich. Ein Stöhnen, das sich wie lautes Ausatmen anhörte und auch ihr Vater war tot.

Elsa betrachtete ihn noch eine ganze Weile, drückte ihm sogar noch die Augen zu. Kaum zu fassen, dass dieser, plötzlich so klein aussehende, Mann der Ursprung so vieler ihrer Schmerzen gewesen war.

Sie war um die nächste Straßenecke gebogen, als die restlichen Bilder in ihren Kopf zurückkehrten, wie von fließenden Farben gemalt. Sie sah sich selbst aus der Vogelperspektive, sah auch all die anderen, die in ihr wohnten und ihr halfen. Als die Flammen aus den Fenstern schlugen, war Elsa schon längst auf der Straße gewesen.

Rausgeschlichen wie ein sanfter Wind, fast wie nichts. Wie eine Mücke, die einem in der Dunkelheit am Ohr vorbeischwebt.

Der Mammutbaum, der ihrer Schwester ewigen Schatten spenden sollte, dunkelte die goldene Herbstsonne ab. Die Plakette mit Natalies Namen schimmerte, fast als würde ihr ihre Schwester zublinzeln. Zwei Jahre war es schon her. Vierundzwanzig Monate, in denen Elsa versucht hatte zu vergessen, niemals aber zu vergeben. Sie kniete sich hin und spürte, wie die Pistole aus der Innentasche ihrer Jacke ihren Oberschenkel streifte. Sie war während der letzten fünfhundert Meter merklich schwerer geworden.

„Ich bin ein Zauberer, Schwesterherz“, flüsterte sie.