(K) eine schicksalhafte Begegnung: MdG Leseprobe #2

13. September 2018 - Lesezeit: 18 Minuten

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November 2011

Nikolas

´Schnee hatte ihn schon immer fasziniert. Die Uhren der Welt schienen sich langsamer zu drehen, wenn sie vom weißen Mantel der Natur bedeckt wurde. Eine kitschige Vorstellung, ganz sicher, aber Nikolas mochte sie. Dass Schneeflocken in Wahrheit zu einem beträchtlichen Teil aus Dreck und Feinstaub bestehen, hatte er erst kurz zuvor gelesen, aber geflissentlich ignoriert. Eine solche Erkenntnis passte einfach nicht in sein hoffnungslos romantisiertes Bild vom Winter und den vielen schönen Erinnerungen, die er mit ihm verband.

Schon als Kind war er wie von der Tarantel gestochen nach draußen gestürmt, wenn er die ersten Flocken an seiner Fensterscheibe vorbeifliegen sah. Er hatte Schneemänner und wackelige Iglus gebaut, sich erbarmungslose Schneeballschlachten mit seinen Freunden geliefert oder war auf den Hügeln des benachbarten Spielplatzes Schlitten gefahren, bis die Kufen abgewetzt und das Holz zersplittert waren. Mit zunehmendem Alter blieb seine aufrichtig empfundene Freude über Schneefall ungebrochen.

Er zog häufig in der blauen Stunde los und unternahm kilometerlange Spaziergänge. Nichts half ihm besser seine Gedanken zu ordnen, als die Beobachtung von dicken, schwerfälligen Schneeflocken, die wenig elegant aber doch mit viel Leichtigkeit durch die Luft schwebten, kurz im Licht der Straßenlaternen funkelten und dann wieder in der Dunkelheit verschwanden. Das besondere an Schnee, so versichert einem jeder Naturwissenschaftler und gleichermaßen jeder Hobbyphilosoph, sei die Tatsache, dass er in seiner Struktur so individuell ist, wie die Menschen. Zwar sei es unmöglich, sie mit dem bloßen Auge voneinander zu unterscheiden, in ihrem Inneren jedoch, gleiche keine Flocke der anderen.

An diesem Novemberabend herrschte ein besonders heftiges Schneegestöber. Aufgewirbelt vom Wind schufen die einzelnen Flocken einen weißen Schleier. Einen Vorhang, hinter den sich Nikolas nur allzu gerne zurückgezogen hätte. Die Bilder der vergangenen Stunden verfolgten ihn wie die letzten Ausläufer eines Alptraumes, die man in der Aufwachphase einfach nicht abschütteln konnte. Etwa dreißig Minuten nach Ende ihres Streits, in dessen Verlauf sie einander Dinge an den Kopf geworfen hatten, die nur aus dem Mund des jeweils meist geliebten Menschen ihre volle zerstörerische Wirkung entfalten konnten, war seine Frau entkräftet am Küchentisch eingeschlafen.

Er hätte ihr einen Kuss auf die Stirn drücken und sie ins Bett tragen können. Am nächsten Morgen hätte er sie normalerweise mit aufwendigem Frühstuck und einer, je nach Vorgeschichte und Ablauf des Streits, aufrichtigen Entschuldigung besänftigt. An diesem Abend kam allerdings alles anders. Noch bevor er sich selbst die Zeit gab die Konsequenzen zu bedenken, war er ohne sie zu wecken und mit dem nötigsten in Reisetasche und Mantel aus ihrem gemeinsamen Zuhause verschwunden. Es hatte erschreckenderweise nur ein paar Schleichwege durch benachbarte Querstraßen gedauert ihn davon zu überzeugen, dass es für eine Rückkehr zu spät sei. Also zog er weiter. Immer weiter.

Während er den Flockentanz fasziniert und gleichzeitig ermattet beobachtete, dachte er wieder über die Philosophen nach. War es nicht so, dass Schnee das von Dichtern und Denkern als allgegenwärtig ausgemachte Naturgesetz Alles fließt außer Kraft setzt? Das Wasser, was zu Schnee wird, fließt nicht mehr. Stattdessen erstarrt es und wird festgehalten. Wenn auch nicht lange. Es wäre schön, wenn das auch mit der Zeit ginge, dachte Nikolas, weiter durch die Straßen Richtung Bahnhof wandernd und auf der Suche nach der schnellsten Fluchtmöglichkeit.

Es fiel ihm schwer sich vorzustellen, hinter jedem einzelnen durch die Luft fliegenden Eiskristall stecke etwas Einzigartiges. Andererseits kamen ihm auch Menschen selbst, wenn er in seinem alltäglichen Trott durch ein Meer watete, in dem jede einzelne Welle, die ihm entgegenschlug, aus den immer gleichen Gesichtern zu bestehen schien, alles andere als einzigartig vor. Aber was wusste er denn schon? Er war schließlich kein Philosoph.

Der Streit mit ihr war heftig gewesen und solche Gedanken würden sicher nicht weiterhelfen. Nikolas folgte instinktiv den Lichtern und dem Lärm, die aus der Ferne näherkamen. Tatsächlich hatte er Glück. An einem der drei, fast vollständig verwaisten, Gleise stand ein abfahrbereiter Zug. Weit weg war die einzige Himmelsrichtung auf seinem inneren Kompass, also überlegte er nicht lange und stieg ein. Er setzte sich in einen Vierersitzplatz, der direkt an die dreistufige Treppe angrenzte, die weiter nach oben führte. Normalerweise ärgerte sich Nikolas immer im Stillen über Menschen die, obwohl nur mit einem Rucksack oder Aktenkoffer beladen, mehrere Plätze für sich beanspruchten und damit Vielreisenden oder gar Alten eine Sitzmöglichkeit wegnahmen. Aber an diesem Abend war ihm auch das egal geworden.

Das Abteil war leer wie eine Geisterstadt, sollten sich die Vielreisenden und Alten doch einfach woanders hinsetzen. Seine Reisetasche schmiss er mit einer groben Schleuderbewegung auf den Sitz gegenüber, zog seinen Mantel so tief es ging als einen Kapuzenersatz übers Gesicht und versuchte, etwas zu schlafen. Es roch leicht muffig nach den verrauchten und feucht-schwitzigen Jacken und Mänteln seiner Vorgänger. Ihm brannten bald die Augen und für einige Minuten döste er schließlich tatsächlich ein.

Leider hatte er das Pech, einige Haltestellen später unfreiwillig die Gesellschaft einer Horde grölender Teenager zu bekommen. Zwischen ihrem lauten Gebrabbel und der, selbst durch Kopfhörer gedämpft, noch erstaunlich lauten Musik, war an Ruhe nicht mehr zu denken. Nikolas fuhr bis zur Endhaltestelle durch, verabschiedete sich sarkastisch freundlich von den Jungs, die entsprechend verdutzt am Bahnsteig zurückblieben und ihm einige dumpfe Sprüche mitgaben. Er trat aus dem Bahnhof heraus, warf die Tasche über seine Schulter und marschierte los. Der Schnee, der unter seinen Schritten knackte, begleitete ihn dabei wie ein Metronom.

Wie üblich zur festlichen Winterzeit herrschte auf den Straßen und in den Gassen der Städte reges Treiben. Hier war es nicht anders. Zahlreiche Stände hatten sich in der Weihnachtsmarktsaison zu einer Art improvisiertem Dorf zusammengefunden, und bildeten so ein kleines Stück Winterwunderland, in dem es nach Glühwein, Backschinkenbrötchen und frischen Keksen duftete. In regelmäßigen Abständen bildeten sich immer wieder Menschentrauben, die wie eine Horde dürstender Tiere am Wasserloch gierig jene Stände belagerten, an denen besonders beliebte Leckereien angeboten wurden. Beim großen Weihnachtsbaum in der Mitte des Marktes konnte Nikolas etwas Ähnliches beobachten. Ebenso beim Kinderchor am Ausgang, der verschiedenste Weihnachtsliedklassiker zum Besten gab, unterbrochen ab und zu von Klatschen oder lautem Gemurmel seiner Zuhörer.

In mitten des ganzen Gedränges versuchte Nikolas erst einmal, sich zu sortieren und ein wenig zurechtzufinden. Er hatte keine Ahnung, wo er genau war, sondern hatte lediglich den letzten Halbsatz der Zugansage „…bitten alle Fahrgäste auszusteigen“ mitbekommen. Die Menschen um ihn herum unterhielten sich größtenteils auf Deutsch, nicht wenige sprachen allerdings auch Französisch. Das war an sich nichts Ungewöhnliches für Nikolas, er lebte seit seiner Kindheit unweit der deutsch-französischen Grenze. Zweisprachige Werbeschilder und Speisekarten, die er, schwach beleuchtet von Straßenlaternen, gerade noch lesen konnte, ließen ihn erkennen, dass er sich in Valoir befand. Die „Brückenstadt“. Hier war er noch nie gewesen, kannte den Namen aber vom Hören und Sehen und wusste, dass ihr Beiname daher rührte, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes eine Brücke zwischen den Nationen bildete. Der Großteil des Ortes war deutsches Staatsgebiet, ein kleiner Teil im Nordosten gehörte allerdings schon zum Elsass.

Nikolas lachte still in sich hinein bei dem Gedanken, während seiner überstürzten Flucht unabsichtlich beinahe das Land verlassen zu haben. Seine Frau hätte, sobald klar wäre, dass er nicht nach Hause gekommen war, am nächsten Morgen wahrscheinlich bei seinem Arbeitskollegen von nebenan angerufen. Hier hatte Nikolas gelegentlich ein Absacker getrunken. Die Tatsache, dass ihn so etwas derart amüsierte zeigte ihm, wie sauer er noch auf sie war. Entschlossen spazierte er weiter. Der nicht enden wollende Strom von Menschen verschlang ihn und er genoss fast ein wenig die Blindheit, die der kräftige Schneefall zusätzlich verursachte. Große und kleine Schatten, Silhouetten und verwaschene Profile waren zu einem breiten, undurchdringlichen Strom verschmolzen. Das Gewirr aus Stimmen, Husten, Lachen und Gläserklirren verkam zu einem monotonen Rauschen in seinen Ohren, was ihn paradoxerweise vorübergehend vollkommen entspannte.

Ein monotones Rauschen. Früher war er oft am Meer gewesen. Hatte sich immer gefragt, was hinter dem Horizont wartet und das Ende der Welt konnte ihm gar nicht mysteriös genug sein. Viele Jahre waren vergangen und er kam nicht drum herum sich einzugestehen, dass er nie müde geworden war, sich Ausreden zurecht zu spinnen, die seine große Reise verhindert hatten. Vielleicht hatte sie ja heute begonnen.

Es ist noch nicht zu spät, ich bin doch erst 20, verdammt, hatte er seinen Freunden immer geantwortet, wenn sie ihn später als reisefaul und spießbürgerlich bezeichneten. Irgendwann aber, war aus der Zwanzig eine Fünfundzwanzig geworden, mittlerweile war er achtund-zwanzig und damit schon verdammt nahe an der Dreißig. Verheiratet war er obendrein, auch wenn sich das vielleicht nach dem letzten Streit erledigt hätte. Ich bin eben doch ein Nestbauer und kein Weltenbummler, bestärkte er sich in Gedanken, obwohl er wusste, dass das nur eine weitere seiner Ausreden war. Ausreden, die im Laufe der Zeit durch beständiges Wiederholen zu Gewissheiten geworden sind. Vielleicht war er feige. Vielleicht hatte er auch nur Angst zum Schluss einfach vom Rand der Welt zu fallen. Aber eigentlich war es egal, denn glücklich war er trotzdem geworden.

Im hier und jetzt verhielt sich Nikolas indes alles andere als zögerlich. Seine Gedanken wurden immer konfuser, ja, aber er hatte schon Jahre zuvor aufgegeben, die mitunter sehr seltsamen Wege seines Verstandes jemals vollständig zu begreifen. Grundsätzlich war er gemessen an all dem was passiert war, in recht gelöster Stimmung. Auf den letzten Metern des Weges, der zu dem hell beleuchteten Ausgang des Weihnachtsmarktes führten, drehte er sich noch einmal um. Er atmete tief ein und beschloss, erst einmal einfach weiter zu gehen, ganz egal wie lange es dauern oder wo er schlussendlich landen würde.
Irritiert und gleichzeitig angetrieben von der für ihn sonst so untypischen eigenen Entschlossenheit schlenderte er und ließ seinen Blick an den geschmückten Ständen und Häuserfassaden haften. Er hätte nicht sagen können, wieso. Aber mit einem Mal überfiel ihn dann doch noch das allzu bekannte Gefühl der Unsicherheit und es nahm passgenau auf seiner Schulter ne-ben der Angst Platz. Was tue ich überhaupt hier? bohrte sich ein Gedanke, scharf wie ein Messer durch seine Schläfen. Er war wie hypnotisiert.

Je weiter Nikolas ging, desto mehr verblasste sein Abenteurer- Esprit wieder. Mittlerweile zu weit weg vom Bahnhof und ohnehin zu müde, um eventuell einfach doch wieder nach Hause zurückzufahren beschloss er, sich und dem Schlaf in einem günstigen Hotel oder einer Herberge noch einmal eine Chance zu geben. Er durchwanderte die Menschentrauben, schob Passanten beiseite wie Nebelschwaden und hauchte dabei ein schnelles „Entschuldigen Sie…“ wann immer ihn das Gefühl beschlich, es wäre angebracht gewesen. Ernst war es ihm jedoch nicht. Die Stimme aus seinem Mund war ihm fremd geworden, er erschrak fast, wie gebrochen sie mit einem Mal klang.

Unbewusst wurde sein Gang bald immer schneller, denn auch die Kälte wurde zusehends ungemütlicher. Ab und zu ließ er sich dazu hinreißen, sich umzudrehen, sich zu vergewissern, dass er nicht völlig die Orientierung verlor oder zu viel argwöhnische Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte, wie er so mit halb vermummten Gesicht und dicker Reisetasche durch die Gegend zog. Als sich ein stechender Schmerz unterhalb seines Rippenbogens ausbreitete, war er gezwungen anzuhalten. Noch einmal drehte er sich um. Im Schneegestöber war plötzlich keine Menschenseele mehr auszumachen. Er war allein.

Sein Sehvermögen verminderte sich weiter rapide. Ein Blick auf die Straße vor sich ließ ihn erkennen, wie die eigenen Fußabdrücke nach und nach von Neuschnee und mittelstarken Winden gelöscht wurden. Es war, als wäre er nie dort gewesen, was ihn merklich verstörte. Abgeschlagen versuchte Nikolas, eine Bank oder anderweitige Sitzfläche zu entdecken, gab aber nach einigen weiteren Momenten entkräftet auf. Mit den Händen tastete er etwas dilettantisch nach Halt in der Dunkelheit und fand das kalte Gestein einer bemoosten Mauer.

Nikolas atmete langsam aus und begann mit dem Rücken an der Mauer hinab zu sinken. Der Kopf senkte sich und drückte auf seinen Brustkorb. Während sein Gesicht langsam vom eigenen Atem eingehüllt wurde, kam er ganz allmählich vollständig zur Ruhe. Seine Brust hob sich kaum merklich, die Last des eigenen Kopfes mit den wirren Gedankengebäuden tragend. Über seine Lippen wehte ein schwaches Lächeln und er spürte die fast schmerzhafte Spannung in seinen Wangen. Es hatte in letzter Zeit wenig Grund zum Lachen gegeben, das wurde ihm plötzlich klarer denn je.

In dem Zustand meditativer Ruhe begann Nikolas sich zu fragen, wie es sich wohl angefühlte, an überhaupt nichts zu denken. Die Vorstellung sich von den eigenen Eingebungen zu lösen und sich ganz und gar in einer Tundra der Gedankenlosigkeit zu bewegen hatte etwas zusätzlich Beruhigendes und lies ihn beinahe in den Schlaf gleiten. Das Aufbrausen einzelner Autos und der Klang einer zu Bruch gegangenen Bierflasche auf der gegenüberliegenden Straßenseite hielten ihn allerdings wach. Er streckte sich kurz und war wieder da. In seiner enttäuschenden, von Gedanken erstickten Realität.

„Wie lange wollen Sie dort noch sitzen bleiben? Sie wer-den sich erkälten. Oder schlimmer, wenn sie hier ein-schlafen, wachen Sie nie wieder auf, wissen Sie?!“

Ihre Stimme klang zuerst dumpf und blechern, so als käme sie aus weiter Ferne. Erst als ihn ein Arm an der Schulter packte, sah Nikolas nach oben. Vor ihm stand eine etwa 1,65m große Frau, die wie er schätzte Ende Zwanzig war. Sie trug einen beigen Trenchcoat, eine dunkelblaue Jeans und dunkelbraune Lederstiefel. Ihr Gesicht schmückte eine ungewöhnlich große Brille mit dicken schwarzen Rändern und die in der Kälte beschlagenen Gläser ließen smaragdgrüne Augen aufblitzen. Ihr Blick hatte etwas aufregend Schönes, zugleich jedoch den Schein des Unnahbaren. Die Haare, haselnussbraun und leicht gewellt, reichten bis knapp über die Schultern. Eine einzelne Strähne hatte sich unbekümmert in ihr Gesicht verirrt und streifte die Nasenspitze. Sie beugte sich ein Stück näher zu ihm herunter und musterte ihn gründlich. Der Wind blies ihr den dünnen schwarzen Schaal ans Kinn, woraufhin sie eine Augen-braue nach oben zog. Sie pustete das Haar genervt zur Seite und rückte ihren Schal zurecht. Ihr Blick verriet dabei, dass das nicht zum ersten Mal am heutigen Tag passiert war. Als sie aber zu bemerken schien, wie sehr Nikolas ihre Schönheit beeindruckte, entspannte sich ihre Mimik schnell.

„Ja, ich bin echt“, sagte sie lächelnd. „Kommen Sie, ich bringe Sie hier weg und ins Warme.“ Nikolas konnte spüren, wie sämtliches Blut aus seinem Körper sich den Weg in sein Gesicht zu bahnen versuchte.

„Ich… ich… bin ich eingeschlafen?“ stammelte er verlegen.

„Wissen Sie, begann sie, offensichtlich ebenfalls in ihren Gedanken verloren, „ich bin mir sicher der Schnee ist bequem und so weiter, aber sterben lassen wollte ich sie nun wirklich nicht.“

Nikolas‘ Nervosität verflüchtigte sich, denn jetzt konnte er erkennen, dass auch sie ein wenig peinlich berührt wirkte, nachdem sie sein Gesicht einige weitere Momente fixiert und sie einander plötzlich direkt in die Augen gesehen hatten. Viel zu spät bemerkte er aber ihre Hand, die sie ihm bereitwillig entgegenstreckte, um ihm beim Aufstehen behilflich zu sein. Das Blut war offenkundig noch nicht in alle Gliedmaßen zurückgekehrt; es war ihm entsprechend schwergefallen, aufzustehen. Die Frau wartete währenddessen geduldig und beobachtete seine unbeholfenen ersten Schritte mit einem stillen Lächeln.

Gemeinsam gingen die beiden ein Stück die Straße herunter und er erkannte, dass die Mauer, an der er sich zuvor so theatralisch niedergelassen hatte, zu einer großen Kirche gehörte. Ein majestätisches Gebäude, was etwas abseits vom Licht der Stadt fußte und dennoch in ein leichtes Orange getaucht wurde. Die große Quadriga, die über dem Haupteingang thronte und zahlreiche Heiligenfiguren an der Fassade ringsumher taten ihr Bestes, den Betrachter in Ehrfurcht zu versetzen.

Wie immer entstand in Nikolas‘ Inneren beim Anblick eines Gotteshauses das ambivalente Gefühl des wohltuenden Unbehagens. Er konnte nicht leugnen, dass die meisten Kirchen dieser Welt architektonische Augenweiden waren. Wie viel Trost haben sie im Laufe der Jahrhunderte wohl verirrten Seelen gespendet, wie viele Kinder wurden in ihnen getauft, wie viele Ehen geschlossen? Gleichzeitig spürte man in und um Kirchengemäuern die Angst und den Schmerz der Verfolgten und im Namen des Glaubens ausgegrenzten Andersdenkenden, die in den so genannten heiligen Mauern nie ein zu Hause finden durften, nie willkommen waren. Und dann ist da der Hass. All der Hass der ihnen entgegengeschlagen war. Er waberte über den Kruzifixen und blutete aus den Fresken bis in die Gegenwart hinein.

„Religion ist der Innbegriff des Widerspruchs“ pflegte sein sechzehn Monate zuvor verstorbener Vater zu sagen. „Opium fürs Volk? Vielleicht. Aber mal ehrlich… Wie viele gute Dinge sind auch unter Drogeneinfluss entstanden?“

Dann ein Lachen. Sein unverkennbar berstendes, beinahe schmutzig klingendes Lachen. Es war seltsam. Seine Stimme und so viele seiner Eigenarten waren Nikolas allzeit präsent, doch ohne, dass er es gewollt oder forciert hätte, verblasste sein Gesicht in seinen Erinnerungen jeden Tag ein Stück mehr.

Da die Fremde während seines erneuten Bewusstseinsstroms nicht stehengeblieben war, wandte sich Nikolas schnell vom Kircheneingang ab und folgte ihr in stillem Gehorsam. Nach einem Fußweg von etwa fünf Minuten standen seine Begleiterin und er vor einem alten Fachwerkhaus, dessen Dach vom Schnee gezuckert und Fenster mit einer Vielzahl weihnachtlichen Gestecken verziert waren. Er löste sich von der Frau und sein Blick fiel auf ein von Schnee bedecktes, leicht morsch wirkendes Schild aus Holz; Rasthaus Stiller Pilger war auf darauf zu lesen, nachdem er den Schnee grob mit seiner Hand verwischt hatte.

„Es wird Zeit, dass wir uns ein wenig aufwärmen“, rief ihm die Frau entgegen. „Kommen Sie.“

Von Kälte und Müdigkeit zu gleichen Teilen erfasst zwang sich Nikolas, die einzelnen Ereignisse in seinem Kopf ein letztes Mal zu rekapitulieren und dem Ganzen einen wie auch immer gearteten Sinn zu geben. Er war unüberlegt und kurzsichtig von zu Hause geflohen. Dem Zug, der am Bahnhof wartete, hatte er keine besondere Beachtung geschenkt, sondern war einfach eingestiegen. Wie lange war er unterwegs gewesen? Das wusste er nicht mehr. Zwei Stunden, vielleicht auch etwas länger. Hier in dieser Stadt, der Endhaltestelle, war er ausgestiegen. Auf einem Streifzug über die Kopfsteinpflaster des Weihnachtsmarktes war er endgültig ins Wandern gekommen und zum ersten Mal seit Ewigkeiten komplett auf sich selbst zurückgeworfen gewesen.

Schließlich hatte ihn die schöne Brünette gefunden, von der er weder wusste, wer sie war, noch vorher sie kam oder was sie genau veranlasste, ihn als zusammengekauerten an der Straßenecke versauernden Fremden vorbehaltlos anzusprechen. Ein kurzer Schmerz durchzuckte erneut seine Gedanken, der ihn erbarmungslos wissen ließ, dass es nach den vorherigen Geschehnissen dieses Abends vielleicht bald niemanden in seinem Leben mehr geben würde, dem er von dieser doch sehr seltsam anmutenden Begegnung erzählen konnte. Geschweige denn jemanden, der ihn lange vermisst hätte, wäre er in dieser Nacht an der Kirchenmauer tatsächlich eingeschlafen und nie wieder aufgewacht.

"Tu nicht so als ob du der einzige Mensch auf der Welt mit Problemen bist!" Das war einer der letzten Sätze gewesen, den sie ihm entgegen geschrien hatte, bevor er gegangen war. Nikolas hatte das Bedürfnis, das alles hastig beiseite zu schieben. Aber das ging nicht mehr.

„Anna…“ murmelte er schwerfällig.